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Dienstag, 29. August 2017

scoyo ELTERN! Blog Award 2017

Die Resonanz auf meinen Text "13 Wochen" über meine Fehlgeburt im letzten Jahr hat mich sehr bewegt. Ich bekam viele Zuschriften mit ehrlicher Anteilnahme und Erfahrungsberichten anderer betroffener Frauen.

Ich gehe mit dem Thema offen um und bin überrascht, wie viele Frauen leider auch schon in dieser Situation waren. Auch in meinem direkten Umfeld haben sich viele Frauen mir gegenüber geöffnet, von denen ich gar nicht wusste, was ihnen widerfahren ist.

Das Erlebte hier im Blog aufzuschreiben, hat mir bei der Verarbeitung sehr geholfen. Ich habe gemerkt, ich bin damit nicht alleine. Die Folgeschwangerschaft nach der Fehlgeburt war nicht leicht für mich. Obwohl es schon meine sechste Schwangerschaft war, war ich manchmal nervlich total durch den Wind und so unsicher wie nie. Aber wie gut, dass der Liebste und ich nicht aufgegeben haben!

Irgendwann twitterte ich den Gedanken "Und ganz vielleicht kann ich ja irgendwann mal sagen: “Wenn das damals alles nicht passiert wäre, hätten wir dich nicht bei uns.” Und so ist es gekommen: wir sind überglücklich, dass unsere Augustschnuppe vor knapp drei Wochen gesund bei uns gelandet ist.

Das Leben ist eben nicht nur eitel Sonnenschein. Das zeige ich immer wieder hier im Blog. Und deshalb habe ich mich mit dem Text über meine Fehlgeburt beim ELTERN! Blog Award 2017 von scoyo beworben. scoyo ist ein bekanntes Online-Magazin für Eltern, rund um das Thema Familie, Schule und Medienkompetenz. Über 180 Texte wurden für den Wettbewerb eingereicht. Eine Jury hat eine Vorauswahl getroffen. Mein Text ist nun neben 12 anderen interessanten Texten von Bloggerkolleginnen im Finale. Wow!


Bis 25. September 2017 dürfen nun alle Leserinnen und Leser entscheiden, welche Texte gewinnen. Alle, die abstimmen, haben außerdem (wenn sie denn wollen) die Chance auf schöne Preise wie Schulranzensets oder schicke Trinkflaschen. Ich würde mich riesig freuen, wenn mein Text gewinnt. Seid Ihr dabei?


Herzlichen Dank!

Die ersten drei Plätze erhalten ein schönes Preisgeld. Sollte ich zu den Gewinnerinnen gehören, möchte ich einen Teil meines Preisgeldes spenden. Und zwar an Pro Familia. Pro Familia ist die größte Organisation Deutschlands für die Beratung rund um alle Themen zur Familienplanung und eine selbstbestimmte Sexualität. In vielen Beratungstellen des gemeinnützigen Vereins bundesweit sowie online können Menschen beraten werden. Auch nach einer Fehlgeburt können Betroffene bei Pro Familia Rat und Hilfe bekommen. Weil das Thema noch viel zu oft verschwiegen wird, finde ich das Angebot sehr hilfreich und möchte die unabhängige Arbeit von Pro Familia gerne unterstützen.

Und auch an dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle meine Leserinnen und Leser, ohne die mein Blog, das im August sein neunjähriges Bestehen feierte, nur halb so viel Freude machen würde! Danke für die Begleitung und die Anteilnahme hier an diesem Ort! 


Montag, 20. März 2017

Heute...

Heute wäre der errechnete Geburtstermin unseres Märzbabys gewesen. Letzten Herbst habe ich mir oft ausgemalt, wie ich mich an diesem heutigen Tag fühlen würde.

Der Schmerz und die Trauer haben nachgelassen. Seitdem ist sehr viel passiert. Die schweren Komplikationen nach der Fehlgeburt haben zunächst die Trauer in den Hintergrund gedrängt. Ich hatte sehr viel damit zu tun, körperlich wieder fit zu werden.

Danach wusste ich anfangs immer, in welcher Schwangerschaftswoche ich gewesen wäre. Frauen, die gleichzeitig mit mir schwanger waren und darüber berichteten, habe ich aber vorsichtig gemieden.

Ich bekam sehr viel Zuspruch und war überrascht, wie viele Frauen schon ähnliches erlebt haben. Vorher hatte ich keine Ahnung, denn gesprochen wurde darüber so gut wie nie. Hinterher war ich irgendwie erleichtert, nicht alleine zu sein.

Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Wo war der Fehler? Dann entdeckte ich diesen Satz:


Es heißt Fehlgeburt nicht wegen eines Fehlers. 
Es heißt Fehlgeburt weil jemand fehlt. 

Damit kann ich viel besser leben.

Mir hat damals das sehr umfangreiche Buch "Gute Hoffnung, jähes Ende"* von Hannah Lothrop gut geholfen. Im Buch "Gestern war ich noch schwanger"* von Nicole Schäufler, wird solch ein Erlebnis in gezeichneten Bildern verarbeitet.

Ich werde das Erlebte nie vergessen. Und ich bin heute demütig und überaus dankbar, die Stupser unseres Augustbabys in mir spüren zu dürfen.


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Mittwoch, 12. Oktober 2016

12 von 12 im Oktober

Eine Woche genau ist dieser schlechte Tag nun her. Am Montag war ich bei meiner Ärztin, die völlig entsetzt über den Verlauf der letzten Wochen war. Nach der erneuten OP hätte sie mich zwei Nächte in der Klinik gelassen und dort intravenös mit einem Antibiotikum versorgt. Nun habe ich ein Medikament für zu Hause bekommen und bin weiterhin krankgeschrieben.

Ich merke, dass mich die ganze Sache zurückgeworfen hat und dass mein Glücksakku ziemlich leer geworden ist. Ich muss jetzt besonders gut auf mich aufpassen und will besonders auf die guten Dinge achten. Danke an alle, die an mich denken!

Heute also ist wieder 12 von 12. In 12 Bildern berichte ich von meinem Tag. Noch mehr Einblicke in den heutigen Tag sind bei Caro versammelt.

Um 6 Uhr summt der Wecker des Liebsten. Gegen halb 7 bin ich im Bad. Seit einer Woche schlafen wir wie auf Wolken, weil wir von eve neue Bettwäsche geschickt bekommen haben. Da will ich gar nicht mehr aufstehen. Einen genauen Bericht gibt es hier demnächst.


Nach dem Kinder wegbringen radle ich zu meiner Ärztin. Dort soll mir nochmal Blut abgenommen werden, um nachzuschauen, ob die Entzündungswerte rückläufig sind. So viel Blut wie in den letzten Wochen habe ich noch nie verloren, deshalb erfrage ich noch meinen Eisenwert vom letzten Test. Der ist im unteren Bereich, aber gerade noch okay.


Auf dem Rückweg nach Hause komme ich am Wochenmarkt vorbei. So früh ist es noch schön leer.


Auf unserer Terrasse entdecke ich, dass die Sprühkreide der Kinder ein prima Anti-Moos-Mittel ist. Ganz stolz bin ich auf meine neuen schlichten Schuhe von Blundstone*, um die ich fast ein ganzes Jahr rumgeschlichen bin. Ich trage Schuhe immer bis sie auseinanderfallen. Wegen meiner großen Größe bekomme ich nicht so leicht Schuhe. Mein letztes Paar habe ich nochmal komplett neu besohlen lassen, aber nun brauchte ich wirklich neue. Sie waren sehr teuer, aber ich hoffe sehr, ich habe einige Jahre Freude an ihnen.


Den Geschirrspüler lasse ich heute noch ein bisschen warten, ...


... denn dieses Buch* ist angekommen. Die Autorin hat schon das umfangreiche Standardwerk "Das Stillbuch"* geschrieben und ist mir daher noch gut bekannt. Auch das Buch über die gute Hoffnung, die jäh endete, ist vollgepackt mit Informationen und Berichten rund um das Thema. Ich denke, es wird mir in nächster Zeit eine gute Hilfe sein.


Und auch von Gudrun Sjöden sind neue Herbst- und Winterkleider für mich angekommen. Wie immer freue ich mich sehr, dass außer der Umverpackung keine weiteren Tüten oder Folien benötigt wurden. Die bunten Bänder verwende ich als Geschenkverpackungen weiter.

Und weil ich oft zu Hause bin, wissen die Paketboten schon, dass ich auch für die Nachbarschaft Pakete und Päckchen annehme.


Ich freue mich über diese Schachtel, die der Liebste mir mitgebracht hat, weil er bei ihrem Anblick an mich gedacht hat.


Mittags schlafe ich im Sessel ein, weil ich mich sehr schlapp fühle. Dann backe ich schnell noch einen Schokoladenkuchen und hole die Kinder ab. Bei Kerzenschein und Herbstdekoration machen wir es uns schön gemütlich und erzählen uns alles vom Tag.



Danach spielen die Kinder in ihren Zimmern. Das Geräusch von raschelnden Legosteinen werde ich mein Leben lang nicht vergessen.


Nun wird es Abend. Der Liebste wird zum Abendbrot nach Hause kommen und dann wird das Abendprogramm eingeläutet. In ihren Schlafanzügen werden die Kinder ihren Traumsand vom Sandmännchen abholen und dann hoffe ich auf einen ruhigen Abend.


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Samstag, 8. Oktober 2016

Meine Woche...

... war mehr als bescheiden. Die Rückkehr zur Arbeit verlief anders als gedacht. Dazu später mehr.

Am Mittwoch hatte ich außerplanmäßig einen Tag frei und behielt den Adventsjungen zu Hause, weil er etwas warm war und hustete. Mittags fuhr ich mit dem Kleinen im Lastenrad einkaufen. Unterwegs hatte ich ein komisches Gefühl und wieder zu Hause entdeckte ich, dass ich schwallartige Blutungen hatte.

Vier Wochen nach der Fehlgeburt dachte ich zunächst an eine verstärkte Menstruation. Aber das kam mir fast zu heftig vor. Irgendwie kam ich durch den Tag, pendelte mit Bauchkrämpfen zwischen Bad, Waschmaschine und Kinderversorgen. Da der Liebste auf Dienstreise bei Düsseldorf war, war ich mit den Kindern alleine zu Hause.

Als endlich alle Kinder im Bett waren, bekam ich plötzlich Schüttelfrost. Ich saß mit Strickjacke und Schultertuch unter zwei Decken im Sessel und konnte mich vor Zittern kaum bewegen. Mit Körnerkissen und Tee versuchte ich, mich warmzubekommen. Es klappte nicht.

Gegen 23 Uhr ging ich ins Bett und bemerkte nun, dass ich Fieber bekam. 39,5 stand auf dem Thermometer. Ich stellte mir einen Eimer neben das Bett, weil ich dachte, ich hätte mir irgendwo etwas eingefangen. Aber dann schwante mir ein Zusammenhang mit der Fehlgeburt und der Ausschabung. Dass ich nun seit vier Wochen durchblutete ist ja auch nicht ganz normal.

Langsam fing ich an zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Wäre ich nicht alleine mit den Kindern gewesen, hätte ich sofort den Rettungsdienst gerufen. So musste ich den Morgen abwarten, um Hilfe zu organisieren. Die Nacht war die Hölle.

Am Morgen erklärte sich dann eine befreundete Nachbarin bereit, die Kinder in Schule und Kindergarten zu bringen, auch wieder abzuholen und so lange auf sie aufzupassen, bis ich oder der Liebste wieder da wären. Eine große Erleichterung!

Als die Kinder mit der Nachbarin unterwegs waren, legte ich ein Notfallpaket für alle Fälle bereit und wählte dann den Notruf der Feuerwehr. Nach 10 Minuten klingelte es schon. Ich öffnete die Tür, eine ältere Ärztin kam die Stufen hoch und schaute genervt: "Sie öffnen uns selbst die Tür? Na dann kann es ja nicht so schlimm sein!"

Ich bat die mittlerweile vier Personen rein und erklärte meine Lage. Na gut, ich gehörte wohl wirklich ins Krankenhaus. Dort angekommen wurde ich nochmal untersucht und an einer erneuten Ausschabung (brrrrr, dieses Wort!) führte kein Weg vorbei.

Unter zwei Decken und mit Schüttelfrost wartete ich auf die erlösende Narkose. Fazit nach der OP: es hatten sich immernoch Reste der Plazenta festgekrallt, die zu diesen Komplikationen mit Infektion führten. (Aus genau diesem Grund wird übrigens nach einer Geburt erst dann gratuliert, wenn auch die Plazenta geboren ist und vollständig ist.)

Mit einem Antibiotikum im Gepäck war ich am Abend wieder zu Hause. Die Nachbarin hatte gerade die Kinder ins Bett gebracht. In meinem Sessel wartete ich auf die Rückkehr des Liebsten, der einen Zug eher bekommen hatte und kurz darauf zu Hause war. Uff.

Nun bin ich schon wieder krankgeschrieben. Die große Ballettaufführung vom Mutzelchen, auf die wir zwei Jahre hingearbeitet haben, habe ich verpasst. Heute hätte ich wieder ein Modul meiner Weiterbildung besucht, das muss ich nachholen. Ab jetzt kann es nur noch besser werden!



Mittwoch, 28. September 2016

Abschiedsritual


Wie schön muss es erst im Himmel sein, 
wenn er von außen schon so schön aussieht!

Astrid Lindgren


Wie verabschiedet man sich von einer Persönlichkeit, die man noch gar nicht kannte? Wie erinnert man sich an sie, wenn es keine gemeinsamen Erlebnisse und keine greifbaren Andenken gibt? Kein besonderes Schmuckstück, kein Kleidungsstück mit dem vertrauten Geruch? Kein "Weißt du noch..."?

In unserem Bücherregal steht seit letzter Woche ein kleines Zeichen der Erinnerung an unser ungeborenes Familienmitglied. Mit dem langsamen Fortschreiten meiner körperlichen Genesung wollte ich auch etwas für die Heilung meiner Seele tun.

Da viel zu früh gegangene Kinder oft auch "Sternenkinder" genannt werden, habe ich zusammen mit meinen drei Kleinen eine Schachtel aus Pappe über und über mit bunten Sternen beklebt. Die Kinder waren ganz eifrig bei der Sache. Wir haben dabei viel geredet und man kann es als Abschiedsritual für uns bezeichnen.

In der Schachtel sind die Ultraschallbilder aus meiner Schwangerschaft, die einzigen sichtbaren "Beweise" der Existenz unseres Nachwuchses. Dann ist da ein Zipfel des Stoffes, aus dem ich jedem meiner Kinder ein Kuscheltier genäht habe. Eine Sternchenkette einer lieben Blogkollegin ist auch in die Schachtel gewandert. Und Geschenke der Kinder. Jedes hat in seinen privaten Schätzen gekramt und wollte etwas dazugeben: eine Muschelkette, ein Plastikbärchen, ein Glasstein, ein Kettenanhänger. Das hat mich sehr gerührt.

Zusammen mit Briefen und Postkarten von nah und fern, über die ich mich sehr gefreut habe, hat unsere Erinnerungsschachtel nun einen schönen Platz im Regal gefunden. Ab und zu bleibt mein Blick an ihr hängen und es piekst ein bisschen im Herzen. Dann toben die Kinder vorbei, die Waschmaschine piept oder der Liebste kommt nach Hause und dann hat mich der Familientrubel wieder, der mein Leben so wunderbar ausfüllt und für den ich sehr dankbar bin.





Montag, 26. September 2016

Ein sonniger Herbstsonntag

Der gestrige Sonntag war wunderbar sonnig und warm. Ein bisschen zu warm nach meinem Geschmack. Ich kann es doch kaum abwarten, im bunten Herbstlaub zu rascheln und mich in warme Kleidung zu kuscheln. Aber der Herbst kommt ja auf alle Fälle in großen Schritten.

Zu Mittag verarbeite ich den ersten Hokkaidokürbis der Saison. Ich erfreue mich an der schönen Farbe in meiner Küche. Ich koche eine Suppe, schlicht und einfach nach meinem bewährten Rezept. Schmeckt allen Familienmitgliedern.

Weil das Mutzelchen zum Geburtstag ein größeres Fahrrad geschenkt bekommen hat, machen wir am Nachmittag eine kleine Radtour ins nahe Naturschutzgebiet Höltigbaum. Dort werden gerade die Stände eines Festes abgebaut, was nicht schlimm ist, da wir hauptsächlich in die Natur wollen.

Die Kinder laufen vor und der Liebste und ich laufen Hand in Hand hinterher. Im Haupthaus des Naturschutzzentrums bekommen wir noch Kaffee, Kuchen und ein Eis am Stiel. Die Kinder stromern noch ein bisschen durch die Ausstellung. Wir haben eine gute Zeit miteinander.

Da läuft eine Schwangere durch mein Blickfeld. Sie hat ein enges gestreiftes Oberteil an und trägt einen tollen runden Schwangerschaftsbauch. Sie ist wunderschön. Ganz plötzlich bekomme ich einen Kloß im Hals. Tränen steigen in meine Augen. Wehmut macht sich in meinem Herzen breit.

Von der Heftigkeit meiner Gefühle bin ich total überrascht. Sie haben mich richtig angesprungen. Dachte ich doch, ich habe das Schlimmste überwunden. Von sonntäglicher Leichtigkeit zu Trauer in Sekundenschnelle. Ich erhole mich stundenlang nicht mehr davon. Fühle mich leer. Der Tag endet mit Tränen am Abendbrottisch.








Samstag, 17. September 2016

Die Zeit danach






Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Denn Du hast mich geschaffen – meinen Körper und meine Seele. Im Leib meiner Mutter hast Du mich gebildet. Herr, ich danke Dir dafür, dass Du mich so einzigartig gemacht hast. Wunderbar ist alles, was Du geschaffen hast, das erkenne ich. Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich Dir dennoch nicht verborgen. Als ich gerade erst entstand, hast Du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast Du in Dein Buch geschrieben noch bevor einer von ihnen begann.

aus dem Psalm 139


Ich sitze mit dem Liebsten an unserem Esstisch. Vor uns stehen noch die Reste vom Frühstück. Die Kinder sind schon aufgestanden und spielen in ihren Zimmern. Wir gießen uns eine zweite Tasse Kaffee ein und unterhalten uns. Irgendwas ist total lustig und ich lache ganz laut los. Im selben Moment zieht sich ganz plötzlich ein breites Band um meinem Brustkorb zusammen und Traurigkeit steigt bis in meine Kehle hoch. Ich kann nicht atmen und muss weinen. Der Liebste streckt mir seine Hand entgegen und wir halten uns eine Weile, bis es mir wieder besser geht.

Dieses Auf und Ab begleitet mich durch die Tage nach der Operation. Wie im "richtigen" Wochenbett nach den Geburten habe ich mit dem Abfall der Schwangerschaftshormone zu tun. Haut und Haare verändern sich wieder, ich blute lange, aber dennoch nicht genug. Ich brauche weitere Maßnahmen und Medikamente. Nicht angenehm, aber das alles gehört zum Prozess. Total schleierhaft ist mir, wie ich meiner Ärztin anfangs sagen konnte, eine Woche Krankschreibung von meiner Arbeit würde mir völlig ausreichen. Aufstehen. Weitermachen. Klar! Aber nicht immer macht der Körper da mit. Die Seele sowieso nicht.

Auch wenn unser fünftes Kind noch so unglaublich klein war, hat es schon ganz viel Liebe, Hoffnung und Glück mit sich gebracht. Es war schon mehr als nur ein bloßer Gedanke und es hat schon Geschichte in unseren Herzen geschrieben.

Mit der Zeit werden die Tränen weniger. Der Alltag ist fordernd und tröstlich zugleich. Ich will für meine Kinder da sein, die hier und jetzt mit mir leben und mich brauchen. Ich bin froh über jedes kleine Zeichen, die sie in meinem Leben hinterlassen. Da sind Mutzelchens lustige Ideen und Geschichten. Da ist das kleine Tierchen, das der Adventsjunge am Morgen in meinem Bett vergisst. Da gibt es den Stapel heimlich in der Nacht gelesener Bücher vor dem Bett des kleinen Bruders. Da ist die Whatsapp-Nachricht vom Großen, der Hilfe braucht und die liebe Nachricht meiner Bonustochter, die sich um mich sorgt.

Ich bin dankbar für meinen Lieblingslavendelduft und sauge ihn ganz tief ein. Ich bin dankbar für Schmerzmittel, oh ja! Ich bin dankbar für die erste Kastanie in meiner Hand, für Blumen im Herbstgärtchen und auf meinem Tisch. Ich bin dankbar über die Anteilnahme so vieler Menschen um mich herum. Mitfühlende Kommentare und liebe Post rühren mich jedes Mal sehr. Ich bin dankbar für jede Umarmung, jedes nette Wort und für die Menschen, die mich und uns im Moment ein bisschen mittragen. Sehr viele Frauen haben mir geschrieben, dass ihnen Ähnliches passiert ist. Oft wird geschwiegen, weil es für solche Situationen einfach kein Patentrezept gibt. Alles hier aufzuschreiben und zu teilen hat mir beim Verarbeiten sehr geholfen. Danke fürs Lesen! 💜

Leider war alles auch nach vier Wochen noch nicht ausgestanden...











Freitag, 9. September 2016

13 Wochen

Die Morgensonne strahlt von einem knallblauen Himmel. In den Bäumen haben sich erste Blätter verfärbt und leuchten verheißungsvoll zwischen dem dunklen Spätsommergrün. Es duftet herrlich nach Laub und Erde. Der Herbst kommt. "Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!" sagt die Frau an der Kasse des Drogeriemarktes fröhlich. "Einen schönen Tag, genießen Sie ihn!" sagt die Frau am Postschalter lächelnd, als ich ein Päckchen abgebe, bevor ich zur Bushaltestelle gehen will.

"Der Tag ist und wird nicht schön! Ich trage mein totes Kind in meinem Bauch herum und fahre jetzt ins Krankenhaus, wo es entfernt wird!!!" Nein, das sage ich natürlich nicht. Ich denke es nur und merke mal wieder, wie irre paradox dieses Leben doch ist. Hier bleibt die Welt stehen und dort läuft das Leben einfach so weiter.

13 Wochen neues aufregendes Glück liegen hinter uns. 13 Wochen, erfüllt mit Bauchkribbeln, noch mehr Liebe und fast ungläubigem Staunen über dieses große Geschenk einer erneuten Schwangerschaft. Gleich beim allerersten Versuch hat es geklappt!

Einen Tag nach meinem Geburtstag Anfang Juli habe ich schon eine Ahnung, die ein paar Tage später zur Gewissheit wird. Im nächsten März würde ich mein fünftes Kind zur Welt bringen. Heiß ersehnt und sehr erwünscht von uns allen.



Nach und nach erzählen wir die freudige Nachricht weiter. Es ist sehr bezeichnend, wer sich ehrlich mit uns mitfreut und wer als erstes skeptisch fragt: "War das geplant?" Ich finde gleich ein Team von zwei Hausgeburtshebammen. Was für ein Glück, es gibt sie noch! Die Vorsorgen mache ich bei ihnen, die Ultraschallkontrollen bei meiner Frauenärztin. Dort ist in der neunten Woche ein zappelnder Krümel mit einem schlagenden Herzen zu sehen.

Ich verkünde die Nachricht auf meiner Arbeitsstelle. Das fällt mir sehr schwer, weil ich meine neue Arbeit und besonders meine Kolleginnen sehr mag. Sie erleichtern mir sofort die Arbeit und sind sehr rücksichtsvoll.

Wir fahren in den Sommerurlaub und genießen unsere Zeit dort sehr. Ich bin immer sehr müde und mache oft Mittagsschlaf. In der 10. Woche bemerke ich ein minikleines Pochen, das mit der Zeit immer deutlicher wird. Ich freue mich über dieses sehr frühe Zeichen und bin glücklich.

In der ersten Arbeitswoche nach dem Urlaub werde ich von meinen Kolleginnen zum Amtsarzt geschickt, um meinen Status bezüglich Infektionskrankheiten gründlich zu checken. Wichtig für die Arbeit mit kleinen Kindern.

Anfang der 13. Schwangerschaftswoche habe ich bei meiner Frauenärztin den Termin zur ersten größeren Ultraschalluntersuchung. Ich frage, ob ich mit dem Handy einen Film vom Geschehen auf dem Ultaschallmonitor machen kann, um ihn später den Kindern zu zeigen. Ich darf.

Ich klettere auf den Stuhl und werde hoch gefahren. Die Ärztin und ich plaudern locker. Das Handy habe ich noch nicht an. Irgendwie will ich noch kurz abwarten. Die Ärztin bringt das Ultraschallgerät in Position.

Ich sehe es sofort.

Kein Herzchen puckert, keine Bewegungen sind zu sehen. Da ist kein Leben mehr. Die Ärztin ist ganz ruhig. Spricht aus, was ich selbst auch sehe. Probiert es nochmal. Schaltet den Doppler dazu, um den Blutfluss in diesem Gebiet zu messen. Nichts. Missed abortion. Verhaltende Fehlgeburt nennt sich das. Der Embryo ist irgendwann in der letzten Zeit abgestorben und ich habe es durch keinerlei Anzeichen gemerkt.

Die Untersuchung ist beendet. Ich kann nicht glauben, dass mir das gerade passiert. Die Ärztin geht nach nebenan an den Schreibtisch, ich ziehe mich an und komme dazu. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Wie regiert man in einer solchen Situation? "Das ist mir ja noch nie passiert." sage ich hilflos. Die Ärztin klärt mich einfühlsam über die nun folgenden Schritte auf. Ich höre zu. Nicke.

"Sie sind eine tapfere Frau." sagt meine Ärztin. Als sie die Box mit den Taschentüchern vor mich auf den Tisch stellt, nehme ich ein Tuch und erlaube mir ein paar Tränen. Ich bekomme eine Krankschreibung, eine Überweisung für das Krankenhaus und eine Telefonnummer.

Als ich auf der Straße stehe, weine ich richtig. Ich schreibe dem Liebsten. Ich muss auf meiner Arbeit anrufen, weil ich nicht mehr zur Teamsitzung kommen kann. Ich stammle irgendetwas vor mich hin.

Ich will das alles nicht. Ich weiß, dass das täglich so vielen Frauen passiert. Die Quote ist 1:4. Jetzt bin ich eine von ihnen. Noch mehr Angst, vor dem, was jetzt passieren wird, habe ich vor den Reaktionen meines Umfeldes. Ich kann jetzt keine betroffenen Menschen ertragen. Ich muss erst abschließen und nach vorne schauen.

Ich radle nach Hause und sehe vor Tränen die Straße nicht. Reiß dich zusammen! Als ich zu Hause endlich die Wohnungstür von innen schließe, bricht es aus mir heraus. Die folgenden zwei Stunden weine ich durch. Ich informiere die mir wichtigsten Menschen und rufe dann im Krankenhaus an. Die zuständige Person ist nicht mehr im Haus, ich soll es am nächsten Tag versuchen.

Der Liebste hat die Kinder abgeholt und kommt nach Hause. Wir umarmen uns still und halten uns ganz fest, die Kinder verteilen sich in der Wohnung. Bei Keksen und Saft erklären wir ihnen später, was passiert ist. Sie sind natürlich traurig, aber freuen sich, als wir ihnen sagen, dass wir sehr glücklich und dankbar sind, schon so viele tolle Kinder zu haben.

In der kommenden Nacht schlafe ich sehr schlecht. Die Gedanken kreisen. Warum ist das passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? Immer wieder muss ich an das Bild des leblosen, 4 Zentimeter großen Menschleins auf dem Monitor denken. Nein, an das leblose kleine Menschlein in meinem Bauch.

Als ich am nächsten Morgen die Kinder weggebracht habe, rufe ich im Krankenhaus an. Ich soll kommen und mich beim Patientenservice anmelden. Kurz bevor ich losgehe, werde ich vom Amtsarzt angerufen. Meine Werte sind alle in Ordnung, herzlichen Glückwunsch und alles Gute weiterhin, ich kann bedenkenlos im Kindergarten weiterarbeiten.

Ich lege ein Notfallpaket mit Kleidung und Kosmetikartikeln zurecht, das der Liebste mir bringen kann, falls ich doch länger im Krankenhaus bleiben muss. Dann verlasse ich das Haus. Unterwegs kaufe ich eine Packung Binden, die werde ich wahrscheinlich später brauchen. "Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!" Atmen.

Um 9:30 Uhr habe ich mich im Krankenhaus angemeldet und warte im Empfangsbereich auf meine erste Untersuchung. Gegen 12 Uhr bin ich dran. Der Chefarzt der Gynäkologie untersucht mich erneut und kann die Diagnose leider nur bestätigen. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: ich könne abwarten und der Natur ihren Lauf lassen. Das kann aber bis zu vier Wochen dauern und ist bei der Menge des "Materials" nicht empfehlenswert. Oder ich bekomme unter Vollnarkose eine "Kürettage", ein eleganteres Wort für "Absaugung und Ausschabung".

Ich entscheide mich für letzteres, weil ich für meine Familie schnell wieder fit sein will. Der OP-Plan für diesen Tag ist ziemlich voll, der für den nächsten Tag auch, also könnte ich an dem darauffolgenden Tag wiederkommen. Noch zwei Nächte?! Ich möchte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen und sage das auch. So werde ich ans Ende des Plans geschrieben, Notfälle hätten allerdings Vorrang. Ich werde vom Anästhesisten aufgeklärt und ein EKG wird geschrieben. Dann soll ich mich auf der Station melden, die neben dem Kreißsaal liegt. Ich gehe vorbei an wartenden Schwangeren, frischgebackenen Vätern mit Autositzen und riesigen rosigen Babyfotos. Ich schaue nicht hin. Zwischendurch halte ich den Liebsten auf dem Laufenden, der die Kinder abholt.

Ich bekomme ein Bett und soll zwei Tabletten nehmen, die den Muttermund weich machen und sonst zur Geburtseinleitung gegeben werden. Bekleidet mit einem OP-Kittel sinke ich erschöpft aufs Kissen, decke mich zu und dämmere vor mich hin. Nach einer Weile bekomme ich leichte Krämpfe im Unterleib und hoffe, dass ich bald drankomme. Um 14 Uhr werde ich glücklicherweise schon abgeholt und mit dem Bett zum OP-Bereich gefahren. Dort werde ich für die Operation vorbereitet. "Sie sind doch noch jung!" Dann wirkt endlich die Narkose. Weinend schlafe ich ein und weinend wache ich wieder auf.

Nach zwei Stunden bin ich wieder in dem Zimmer der Station. Ich bin müde und hungrig. Nach einer Weile darf ich mit Hilfe aufstehen und bekomme eine warme Suppe. Nachdem der Anästhesist nach mir geschaut hat, besucht mich die operierende Ärztin und bespricht mit mir den Verlauf. Alles ist gut gegangen, aber sie ist sichtlich betroffen.

Am Abend bin ich endlich wieder zu Hause. Der Liebste kümmert sich rührend um mich. Ein großer Blumenstrauß von Familie Rotkraut empfängt mich. In der Nacht habe ich Bauchkrämpfe und schlafe schlecht. Von der Operation tun mir mein Hals und alle meine Gliedmaßen weh. Ich fühle mich ausgelaugt und sehr leer. Meine Schwangerschaft ist beendet. Ich bin jetzt quasi im Wochenbett.
Nur ohne Baby.


Die Zeit danach...

So haben wir unser Sternenkind verabschiedet...

Und leider war alles auch nach vier Wochen noch nicht ausgestanden...




Mit diesem nicht gerade leichten Text habe ich mich beim scoyo ELTERN! Blog Award 2017 beworben. Weil das Leben nicht immer nur aus Sonnenschein besteht. Aus über 180 Texten wurde auch meiner von einer Jury ins Finale gewählt. Meine Leserinnen undLeser haben abgestimmt, dass mein Text den Blog Award gewinnen soll. Ich freue mich sehr über diese tolle Unterstützung! Vielen Dank!