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Dienstag, 29. August 2017

scoyo ELTERN! Blog Award 2017

Die Resonanz auf meinen Text "13 Wochen" über meine Fehlgeburt im letzten Jahr hat mich sehr bewegt. Ich bekam viele Zuschriften mit ehrlicher Anteilnahme und Erfahrungsberichten anderer betroffener Frauen.

Ich gehe mit dem Thema offen um und bin überrascht, wie viele Frauen leider auch schon in dieser Situation waren. Auch in meinem direkten Umfeld haben sich viele Frauen mir gegenüber geöffnet, von denen ich gar nicht wusste, was ihnen widerfahren ist.

Das Erlebte hier im Blog aufzuschreiben, hat mir bei der Verarbeitung sehr geholfen. Ich habe gemerkt, ich bin damit nicht alleine. Die Folgeschwangerschaft nach der Fehlgeburt war nicht leicht für mich. Obwohl es schon meine sechste Schwangerschaft war, war ich manchmal nervlich total durch den Wind und so unsicher wie nie. Aber wie gut, dass der Liebste und ich nicht aufgegeben haben!

Irgendwann twitterte ich den Gedanken "Und ganz vielleicht kann ich ja irgendwann mal sagen: “Wenn das damals alles nicht passiert wäre, hätten wir dich nicht bei uns.” Und so ist es gekommen: wir sind überglücklich, dass unsere Augustschnuppe vor knapp drei Wochen gesund bei uns gelandet ist.

Das Leben ist eben nicht nur eitel Sonnenschein. Das zeige ich immer wieder hier im Blog. Und deshalb habe ich mich mit dem Text über meine Fehlgeburt beim ELTERN! Blog Award 2017 von scoyo beworben. scoyo ist ein bekanntes Online-Magazin für Eltern, rund um das Thema Familie, Schule und Medienkompetenz. Über 180 Texte wurden für den Wettbewerb eingereicht. Eine Jury hat eine Vorauswahl getroffen. Mein Text ist nun neben 12 anderen interessanten Texten von Bloggerkolleginnen im Finale. Wow!


Bis 25. September 2017 dürfen nun alle Leserinnen und Leser entscheiden, welche Texte gewinnen. Alle, die abstimmen, haben außerdem (wenn sie denn wollen) die Chance auf schöne Preise wie Schulranzensets oder schicke Trinkflaschen. Ich würde mich riesig freuen, wenn mein Text gewinnt. Seid Ihr dabei?


Herzlichen Dank!

Die ersten drei Plätze erhalten ein schönes Preisgeld. Sollte ich zu den Gewinnerinnen gehören, möchte ich einen Teil meines Preisgeldes spenden. Und zwar an Pro Familia. Pro Familia ist die größte Organisation Deutschlands für die Beratung rund um alle Themen zur Familienplanung und eine selbstbestimmte Sexualität. In vielen Beratungstellen des gemeinnützigen Vereins bundesweit sowie online können Menschen beraten werden. Auch nach einer Fehlgeburt können Betroffene bei Pro Familia Rat und Hilfe bekommen. Weil das Thema noch viel zu oft verschwiegen wird, finde ich das Angebot sehr hilfreich und möchte die unabhängige Arbeit von Pro Familia gerne unterstützen.

Und auch an dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle meine Leserinnen und Leser, ohne die mein Blog, das im August sein neunjähriges Bestehen feierte, nur halb so viel Freude machen würde! Danke für die Begleitung und die Anteilnahme hier an diesem Ort! 


Montag, 20. März 2017

Heute...

Heute wäre der errechnete Geburtstermin unseres Märzbabys gewesen. Letzten Herbst habe ich mir oft ausgemalt, wie ich mich an diesem heutigen Tag fühlen würde.

Der Schmerz und die Trauer haben nachgelassen. Seitdem ist sehr viel passiert. Die schweren Komplikationen nach der Fehlgeburt haben zunächst die Trauer in den Hintergrund gedrängt. Ich hatte sehr viel damit zu tun, körperlich wieder fit zu werden.

Danach wusste ich anfangs immer, in welcher Schwangerschaftswoche ich gewesen wäre. Frauen, die gleichzeitig mit mir schwanger waren und darüber berichteten, habe ich aber vorsichtig gemieden.

Ich bekam sehr viel Zuspruch und war überrascht, wie viele Frauen schon ähnliches erlebt haben. Vorher hatte ich keine Ahnung, denn gesprochen wurde darüber so gut wie nie. Hinterher war ich irgendwie erleichtert, nicht alleine zu sein.

Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Wo war der Fehler? Dann entdeckte ich diesen Satz:


Es heißt Fehlgeburt nicht wegen eines Fehlers. 
Es heißt Fehlgeburt weil jemand fehlt. 

Damit kann ich viel besser leben.

Mir hat damals das sehr umfangreiche Buch "Gute Hoffnung, jähes Ende"* von Hannah Lothrop gut geholfen. Im Buch "Gestern war ich noch schwanger"* von Nicole Schäufler, wird solch ein Erlebnis in gezeichneten Bildern verarbeitet.

Ich werde das Erlebte nie vergessen. Und ich bin heute demütig und überaus dankbar, die Stupser unseres Augustbabys in mir spüren zu dürfen.


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Sonntag, 11. Dezember 2016

3. Adventswochenende

Für das dritte Adventswochenende steht in unserem Kalender nur ein Termin: Baum kaufen. Ganz bewusst unternehmen wir in der Adventszeit so wenig, wenig, wenig, wie möglich. Wir möchten uns aufs Wesentliche besinnen und viel Zeit zu Hause verbringen. Hier machen wir es uns besonders schön und gemütlich und genießen die gemeinsame Zeit. Das heißt auch: kein Weihnachtsmarktbesuch, kein Aufsuchen von Shoppingcentern, keine Teilnahme an Elterncafés in Kita und Schule o.ä.

Am Samstag schlafen wir erstmal aus und frühstücken in Ruhe. Nur das Mutzelchen und der Adventsjunge sind da, der kleine Bruder übernachtete bei seinem besten Freund. Nach dem Frühstück fährt der Liebste mit dem Mutzelchen zum Markt. Die beiden erledigen den Wochenendeinkauf und holen dann den kleinen Bruder bei seinem Freund ab.

Ich habe derweil Lust aufs Plätzchen backen und beschließe, Schneeflocken zu backen. Der Adventsjunge ist mir dabei eine gute Hilfe. Er siebt das Mehl und den Puderzucker und drückt später mit einer Gabel die Teigkugeln in ihre Form.

Mittags kocht der Liebste Nudeln und dann machen wir erstmal Mittagsruhe. Am Nachmittag kruscheln wir vor uns hin und am frühen Abend ist Badetag für alle Kinder. Die Jungs setzten das Badezimmer komplett unter Wasser. Praktisch, so können wir gleich mal durchwischen.

Nach dem Abendessen das übliche Abendprogramm. Die Kinder gehen auch am Wochenende nach dem Sandmännchen ins Bett. Die Buchlesezeit wird dann etwas großzügiger gestaltet, aber meist schlafen sie dann zur Tagesschauzeit oder kurz danach.




Am Sonntag dürfen der Liebste und ich sogar bis halb 10 im Bett bleiben. Ich bin zwar schon um 4 und um 6:30 Uhr wach, wie immer, aber nicke danach nochmal ein. Die Kinder spielen in ihren Zimmern mit der Holzeisenbahn oder Schule mit den Kuscheltieren. Als der kleine Bruder eine Pfeife findet und damit den Bahnabfertiger spielt, stehe ich auf.

Spätes gemütliches Frühstück. Die dritte Kerze brennt! Wir freuen uns schon sehr aufs Aussuchen des Tannenbaumes. Zunächst aber bereite ich einen Braten fürs Mittagessen vor. Der Liebste und ich haben uns aus dem empfehlenswerten und wunderschönen Weihnachtsbuch New York Christmas* mit vielen Rezepten, Geschichten und traumhaften Fotos vom winterlichen New York den glasierten Schweinebraten ausgeguckt. Wir haben noch nie einen Braten gemacht, deshalb sind wir schon ganz gespannt drauf.

Als der Braten im Ofen umrahmt von Möhren und Pastinaken vor sich hinschmurgelt, fahren wir alle zum Gartenmarkt in der Nähe. Dort kaufen wir seit Jahren unseren Weihnachtsbaum. Die Bäume dort sind aus der Region und werden sogar nach Hause geliefert. Wir finden auch ein schönes Exemplar, das nun im Laufe der nächsten Woche geliefert wird.

Dann haben die Kinder die Idee, mit kleinen Bäumchen ihre Zimmer zu schmücken. Wir suchen zusammen welche im Topf aus. Später können wir sie ins Gärtchen pflanzen. Zu Hause schmücken die Kinder ihre Bäumchen hingebungsvoll und sind ganz stolz drauf.

Der Schweinebraten ist fertig. Süß, sauer, ein bisschen scharf und mit dem Gemüse richtig gut! Machen wir wieder! Wir essen ziemlich spät, erst gegen 14 Uhr. Danach Mittagsruhe und als es am Nachmittag schon wieder anfängt, zu dämmern, sitzen wir beim Adventskaffee zusammen. Danach ziehen die Kinder schon ihre Schlafanzüge an und schön eingemummelt schauen wir uns alle zusammen in der Mediathek die "Sendung mit der Maus" der letzten Woche und von heute an.

Am Abend räumen wir auf und bereiten uns auf die kommende Woche vor. Der kleine Bruder füllt noch eine Freundschaftsbuch aus und ups! da sind ja noch die Brotdosen vom Freitag in den Schultaschen!

Nach dem Abendbrot gibt es das Sandmännchen und Vorlesezeit. Um kurz nach 19 Uhr zünde ich eine Kerze für unser Sternenkind an. Der 2. Sonntag im Dezember ist weltweiter Gedenktag für verstorbene Kinder. Rund um die Welt werden deshalb Kerzen angezündet. Ich denke an unser Krümelchen und was es schon für uns mitgebracht hatte. Auch wenn es nicht mehr bei uns ist, tragen wir es für immer in unseren Herzen. Ich denke auch an alle Familien, die aus diesem Grund eine Kerze anzünden. Ihr seid nicht allein!

Noch mehr Einblicke in Familienwochenenden gibt es bei Susanne zu sehen.









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Sonntag, 20. November 2016

Ewigkeitssonntag



Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, 
und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe - 
das einzig Bleibende, der einzige Sinn.

Thornton Wilder

Mittwoch, 28. September 2016

Abschiedsritual


Wie schön muss es erst im Himmel sein, 
wenn er von außen schon so schön aussieht!

Astrid Lindgren


Wie verabschiedet man sich von einer Persönlichkeit, die man noch gar nicht kannte? Wie erinnert man sich an sie, wenn es keine gemeinsamen Erlebnisse und keine greifbaren Andenken gibt? Kein besonderes Schmuckstück, kein Kleidungsstück mit dem vertrauten Geruch? Kein "Weißt du noch..."?

In unserem Bücherregal steht seit letzter Woche ein kleines Zeichen der Erinnerung an unser ungeborenes Familienmitglied. Mit dem langsamen Fortschreiten meiner körperlichen Genesung wollte ich auch etwas für die Heilung meiner Seele tun.

Da viel zu früh gegangene Kinder oft auch "Sternenkinder" genannt werden, habe ich zusammen mit meinen drei Kleinen eine Schachtel aus Pappe über und über mit bunten Sternen beklebt. Die Kinder waren ganz eifrig bei der Sache. Wir haben dabei viel geredet und man kann es als Abschiedsritual für uns bezeichnen.

In der Schachtel sind die Ultraschallbilder aus meiner Schwangerschaft, die einzigen sichtbaren "Beweise" der Existenz unseres Nachwuchses. Dann ist da ein Zipfel des Stoffes, aus dem ich jedem meiner Kinder ein Kuscheltier genäht habe. Eine Sternchenkette einer lieben Blogkollegin ist auch in die Schachtel gewandert. Und Geschenke der Kinder. Jedes hat in seinen privaten Schätzen gekramt und wollte etwas dazugeben: eine Muschelkette, ein Plastikbärchen, ein Glasstein, ein Kettenanhänger. Das hat mich sehr gerührt.

Zusammen mit Briefen und Postkarten von nah und fern, über die ich mich sehr gefreut habe, hat unsere Erinnerungsschachtel nun einen schönen Platz im Regal gefunden. Ab und zu bleibt mein Blick an ihr hängen und es piekst ein bisschen im Herzen. Dann toben die Kinder vorbei, die Waschmaschine piept oder der Liebste kommt nach Hause und dann hat mich der Familientrubel wieder, der mein Leben so wunderbar ausfüllt und für den ich sehr dankbar bin.





Montag, 26. September 2016

Ein sonniger Herbstsonntag

Der gestrige Sonntag war wunderbar sonnig und warm. Ein bisschen zu warm nach meinem Geschmack. Ich kann es doch kaum abwarten, im bunten Herbstlaub zu rascheln und mich in warme Kleidung zu kuscheln. Aber der Herbst kommt ja auf alle Fälle in großen Schritten.

Zu Mittag verarbeite ich den ersten Hokkaidokürbis der Saison. Ich erfreue mich an der schönen Farbe in meiner Küche. Ich koche eine Suppe, schlicht und einfach nach meinem bewährten Rezept. Schmeckt allen Familienmitgliedern.

Weil das Mutzelchen zum Geburtstag ein größeres Fahrrad geschenkt bekommen hat, machen wir am Nachmittag eine kleine Radtour ins nahe Naturschutzgebiet Höltigbaum. Dort werden gerade die Stände eines Festes abgebaut, was nicht schlimm ist, da wir hauptsächlich in die Natur wollen.

Die Kinder laufen vor und der Liebste und ich laufen Hand in Hand hinterher. Im Haupthaus des Naturschutzzentrums bekommen wir noch Kaffee, Kuchen und ein Eis am Stiel. Die Kinder stromern noch ein bisschen durch die Ausstellung. Wir haben eine gute Zeit miteinander.

Da läuft eine Schwangere durch mein Blickfeld. Sie hat ein enges gestreiftes Oberteil an und trägt einen tollen runden Schwangerschaftsbauch. Sie ist wunderschön. Ganz plötzlich bekomme ich einen Kloß im Hals. Tränen steigen in meine Augen. Wehmut macht sich in meinem Herzen breit.

Von der Heftigkeit meiner Gefühle bin ich total überrascht. Sie haben mich richtig angesprungen. Dachte ich doch, ich habe das Schlimmste überwunden. Von sonntäglicher Leichtigkeit zu Trauer in Sekundenschnelle. Ich erhole mich stundenlang nicht mehr davon. Fühle mich leer. Der Tag endet mit Tränen am Abendbrottisch.








Samstag, 17. September 2016

Die Zeit danach






Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Denn Du hast mich geschaffen – meinen Körper und meine Seele. Im Leib meiner Mutter hast Du mich gebildet. Herr, ich danke Dir dafür, dass Du mich so einzigartig gemacht hast. Wunderbar ist alles, was Du geschaffen hast, das erkenne ich. Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich Dir dennoch nicht verborgen. Als ich gerade erst entstand, hast Du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast Du in Dein Buch geschrieben noch bevor einer von ihnen begann.

aus dem Psalm 139


Ich sitze mit dem Liebsten an unserem Esstisch. Vor uns stehen noch die Reste vom Frühstück. Die Kinder sind schon aufgestanden und spielen in ihren Zimmern. Wir gießen uns eine zweite Tasse Kaffee ein und unterhalten uns. Irgendwas ist total lustig und ich lache ganz laut los. Im selben Moment zieht sich ganz plötzlich ein breites Band um meinem Brustkorb zusammen und Traurigkeit steigt bis in meine Kehle hoch. Ich kann nicht atmen und muss weinen. Der Liebste streckt mir seine Hand entgegen und wir halten uns eine Weile, bis es mir wieder besser geht.

Dieses Auf und Ab begleitet mich durch die Tage nach der Operation. Wie im "richtigen" Wochenbett nach den Geburten habe ich mit dem Abfall der Schwangerschaftshormone zu tun. Haut und Haare verändern sich wieder, ich blute lange, aber dennoch nicht genug. Ich brauche weitere Maßnahmen und Medikamente. Nicht angenehm, aber das alles gehört zum Prozess. Total schleierhaft ist mir, wie ich meiner Ärztin anfangs sagen konnte, eine Woche Krankschreibung von meiner Arbeit würde mir völlig ausreichen. Aufstehen. Weitermachen. Klar! Aber nicht immer macht der Körper da mit. Die Seele sowieso nicht.

Auch wenn unser fünftes Kind noch so unglaublich klein war, hat es schon ganz viel Liebe, Hoffnung und Glück mit sich gebracht. Es war schon mehr als nur ein bloßer Gedanke und es hat schon Geschichte in unseren Herzen geschrieben.

Mit der Zeit werden die Tränen weniger. Der Alltag ist fordernd und tröstlich zugleich. Ich will für meine Kinder da sein, die hier und jetzt mit mir leben und mich brauchen. Ich bin froh über jedes kleine Zeichen, die sie in meinem Leben hinterlassen. Da sind Mutzelchens lustige Ideen und Geschichten. Da ist das kleine Tierchen, das der Adventsjunge am Morgen in meinem Bett vergisst. Da gibt es den Stapel heimlich in der Nacht gelesener Bücher vor dem Bett des kleinen Bruders. Da ist die Whatsapp-Nachricht vom Großen, der Hilfe braucht und die liebe Nachricht meiner Bonustochter, die sich um mich sorgt.

Ich bin dankbar für meinen Lieblingslavendelduft und sauge ihn ganz tief ein. Ich bin dankbar für Schmerzmittel, oh ja! Ich bin dankbar für die erste Kastanie in meiner Hand, für Blumen im Herbstgärtchen und auf meinem Tisch. Ich bin dankbar über die Anteilnahme so vieler Menschen um mich herum. Mitfühlende Kommentare und liebe Post rühren mich jedes Mal sehr. Ich bin dankbar für jede Umarmung, jedes nette Wort und für die Menschen, die mich und uns im Moment ein bisschen mittragen. Sehr viele Frauen haben mir geschrieben, dass ihnen Ähnliches passiert ist. Oft wird geschwiegen, weil es für solche Situationen einfach kein Patentrezept gibt. Alles hier aufzuschreiben und zu teilen hat mir beim Verarbeiten sehr geholfen. Danke fürs Lesen! 💜

Leider war alles auch nach vier Wochen noch nicht ausgestanden...











Freitag, 9. September 2016

13 Wochen

Die Morgensonne strahlt von einem knallblauen Himmel. In den Bäumen haben sich erste Blätter verfärbt und leuchten verheißungsvoll zwischen dem dunklen Spätsommergrün. Es duftet herrlich nach Laub und Erde. Der Herbst kommt. "Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!" sagt die Frau an der Kasse des Drogeriemarktes fröhlich. "Einen schönen Tag, genießen Sie ihn!" sagt die Frau am Postschalter lächelnd, als ich ein Päckchen abgebe, bevor ich zur Bushaltestelle gehen will.

"Der Tag ist und wird nicht schön! Ich trage mein totes Kind in meinem Bauch herum und fahre jetzt ins Krankenhaus, wo es entfernt wird!!!" Nein, das sage ich natürlich nicht. Ich denke es nur und merke mal wieder, wie irre paradox dieses Leben doch ist. Hier bleibt die Welt stehen und dort läuft das Leben einfach so weiter.

13 Wochen neues aufregendes Glück liegen hinter uns. 13 Wochen, erfüllt mit Bauchkribbeln, noch mehr Liebe und fast ungläubigem Staunen über dieses große Geschenk einer erneuten Schwangerschaft. Gleich beim allerersten Versuch hat es geklappt!

Einen Tag nach meinem Geburtstag Anfang Juli habe ich schon eine Ahnung, die ein paar Tage später zur Gewissheit wird. Im nächsten März würde ich mein fünftes Kind zur Welt bringen. Heiß ersehnt und sehr erwünscht von uns allen.



Nach und nach erzählen wir die freudige Nachricht weiter. Es ist sehr bezeichnend, wer sich ehrlich mit uns mitfreut und wer als erstes skeptisch fragt: "War das geplant?" Ich finde gleich ein Team von zwei Hausgeburtshebammen. Was für ein Glück, es gibt sie noch! Die Vorsorgen mache ich bei ihnen, die Ultraschallkontrollen bei meiner Frauenärztin. Dort ist in der neunten Woche ein zappelnder Krümel mit einem schlagenden Herzen zu sehen.

Ich verkünde die Nachricht auf meiner Arbeitsstelle. Das fällt mir sehr schwer, weil ich meine neue Arbeit und besonders meine Kolleginnen sehr mag. Sie erleichtern mir sofort die Arbeit und sind sehr rücksichtsvoll.

Wir fahren in den Sommerurlaub und genießen unsere Zeit dort sehr. Ich bin immer sehr müde und mache oft Mittagsschlaf. In der 10. Woche bemerke ich ein minikleines Pochen, das mit der Zeit immer deutlicher wird. Ich freue mich über dieses sehr frühe Zeichen und bin glücklich.

In der ersten Arbeitswoche nach dem Urlaub werde ich von meinen Kolleginnen zum Amtsarzt geschickt, um meinen Status bezüglich Infektionskrankheiten gründlich zu checken. Wichtig für die Arbeit mit kleinen Kindern.

Anfang der 13. Schwangerschaftswoche habe ich bei meiner Frauenärztin den Termin zur ersten größeren Ultraschalluntersuchung. Ich frage, ob ich mit dem Handy einen Film vom Geschehen auf dem Ultaschallmonitor machen kann, um ihn später den Kindern zu zeigen. Ich darf.

Ich klettere auf den Stuhl und werde hoch gefahren. Die Ärztin und ich plaudern locker. Das Handy habe ich noch nicht an. Irgendwie will ich noch kurz abwarten. Die Ärztin bringt das Ultraschallgerät in Position.

Ich sehe es sofort.

Kein Herzchen puckert, keine Bewegungen sind zu sehen. Da ist kein Leben mehr. Die Ärztin ist ganz ruhig. Spricht aus, was ich selbst auch sehe. Probiert es nochmal. Schaltet den Doppler dazu, um den Blutfluss in diesem Gebiet zu messen. Nichts. Missed abortion. Verhaltende Fehlgeburt nennt sich das. Der Embryo ist irgendwann in der letzten Zeit abgestorben und ich habe es durch keinerlei Anzeichen gemerkt.

Die Untersuchung ist beendet. Ich kann nicht glauben, dass mir das gerade passiert. Die Ärztin geht nach nebenan an den Schreibtisch, ich ziehe mich an und komme dazu. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Wie regiert man in einer solchen Situation? "Das ist mir ja noch nie passiert." sage ich hilflos. Die Ärztin klärt mich einfühlsam über die nun folgenden Schritte auf. Ich höre zu. Nicke.

"Sie sind eine tapfere Frau." sagt meine Ärztin. Als sie die Box mit den Taschentüchern vor mich auf den Tisch stellt, nehme ich ein Tuch und erlaube mir ein paar Tränen. Ich bekomme eine Krankschreibung, eine Überweisung für das Krankenhaus und eine Telefonnummer.

Als ich auf der Straße stehe, weine ich richtig. Ich schreibe dem Liebsten. Ich muss auf meiner Arbeit anrufen, weil ich nicht mehr zur Teamsitzung kommen kann. Ich stammle irgendetwas vor mich hin.

Ich will das alles nicht. Ich weiß, dass das täglich so vielen Frauen passiert. Die Quote ist 1:4. Jetzt bin ich eine von ihnen. Noch mehr Angst, vor dem, was jetzt passieren wird, habe ich vor den Reaktionen meines Umfeldes. Ich kann jetzt keine betroffenen Menschen ertragen. Ich muss erst abschließen und nach vorne schauen.

Ich radle nach Hause und sehe vor Tränen die Straße nicht. Reiß dich zusammen! Als ich zu Hause endlich die Wohnungstür von innen schließe, bricht es aus mir heraus. Die folgenden zwei Stunden weine ich durch. Ich informiere die mir wichtigsten Menschen und rufe dann im Krankenhaus an. Die zuständige Person ist nicht mehr im Haus, ich soll es am nächsten Tag versuchen.

Der Liebste hat die Kinder abgeholt und kommt nach Hause. Wir umarmen uns still und halten uns ganz fest, die Kinder verteilen sich in der Wohnung. Bei Keksen und Saft erklären wir ihnen später, was passiert ist. Sie sind natürlich traurig, aber freuen sich, als wir ihnen sagen, dass wir sehr glücklich und dankbar sind, schon so viele tolle Kinder zu haben.

In der kommenden Nacht schlafe ich sehr schlecht. Die Gedanken kreisen. Warum ist das passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? Immer wieder muss ich an das Bild des leblosen, 4 Zentimeter großen Menschleins auf dem Monitor denken. Nein, an das leblose kleine Menschlein in meinem Bauch.

Als ich am nächsten Morgen die Kinder weggebracht habe, rufe ich im Krankenhaus an. Ich soll kommen und mich beim Patientenservice anmelden. Kurz bevor ich losgehe, werde ich vom Amtsarzt angerufen. Meine Werte sind alle in Ordnung, herzlichen Glückwunsch und alles Gute weiterhin, ich kann bedenkenlos im Kindergarten weiterarbeiten.

Ich lege ein Notfallpaket mit Kleidung und Kosmetikartikeln zurecht, das der Liebste mir bringen kann, falls ich doch länger im Krankenhaus bleiben muss. Dann verlasse ich das Haus. Unterwegs kaufe ich eine Packung Binden, die werde ich wahrscheinlich später brauchen. "Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen!" Atmen.

Um 9:30 Uhr habe ich mich im Krankenhaus angemeldet und warte im Empfangsbereich auf meine erste Untersuchung. Gegen 12 Uhr bin ich dran. Der Chefarzt der Gynäkologie untersucht mich erneut und kann die Diagnose leider nur bestätigen. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: ich könne abwarten und der Natur ihren Lauf lassen. Das kann aber bis zu vier Wochen dauern und ist bei der Menge des "Materials" nicht empfehlenswert. Oder ich bekomme unter Vollnarkose eine "Kürettage", ein eleganteres Wort für "Absaugung und Ausschabung".

Ich entscheide mich für letzteres, weil ich für meine Familie schnell wieder fit sein will. Der OP-Plan für diesen Tag ist ziemlich voll, der für den nächsten Tag auch, also könnte ich an dem darauffolgenden Tag wiederkommen. Noch zwei Nächte?! Ich möchte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen und sage das auch. So werde ich ans Ende des Plans geschrieben, Notfälle hätten allerdings Vorrang. Ich werde vom Anästhesisten aufgeklärt und ein EKG wird geschrieben. Dann soll ich mich auf der Station melden, die neben dem Kreißsaal liegt. Ich gehe vorbei an wartenden Schwangeren, frischgebackenen Vätern mit Autositzen und riesigen rosigen Babyfotos. Ich schaue nicht hin. Zwischendurch halte ich den Liebsten auf dem Laufenden, der die Kinder abholt.

Ich bekomme ein Bett und soll zwei Tabletten nehmen, die den Muttermund weich machen und sonst zur Geburtseinleitung gegeben werden. Bekleidet mit einem OP-Kittel sinke ich erschöpft aufs Kissen, decke mich zu und dämmere vor mich hin. Nach einer Weile bekomme ich leichte Krämpfe im Unterleib und hoffe, dass ich bald drankomme. Um 14 Uhr werde ich glücklicherweise schon abgeholt und mit dem Bett zum OP-Bereich gefahren. Dort werde ich für die Operation vorbereitet. "Sie sind doch noch jung!" Dann wirkt endlich die Narkose. Weinend schlafe ich ein und weinend wache ich wieder auf.

Nach zwei Stunden bin ich wieder in dem Zimmer der Station. Ich bin müde und hungrig. Nach einer Weile darf ich mit Hilfe aufstehen und bekomme eine warme Suppe. Nachdem der Anästhesist nach mir geschaut hat, besucht mich die operierende Ärztin und bespricht mit mir den Verlauf. Alles ist gut gegangen, aber sie ist sichtlich betroffen.

Am Abend bin ich endlich wieder zu Hause. Der Liebste kümmert sich rührend um mich. Ein großer Blumenstrauß von Familie Rotkraut empfängt mich. In der Nacht habe ich Bauchkrämpfe und schlafe schlecht. Von der Operation tun mir mein Hals und alle meine Gliedmaßen weh. Ich fühle mich ausgelaugt und sehr leer. Meine Schwangerschaft ist beendet. Ich bin jetzt quasi im Wochenbett.
Nur ohne Baby.


Die Zeit danach...

So haben wir unser Sternenkind verabschiedet...

Und leider war alles auch nach vier Wochen noch nicht ausgestanden...




Mit diesem nicht gerade leichten Text habe ich mich beim scoyo ELTERN! Blog Award 2017 beworben. Weil das Leben nicht immer nur aus Sonnenschein besteht. Aus über 180 Texten wurde auch meiner von einer Jury ins Finale gewählt. Meine Leserinnen undLeser haben abgestimmt, dass mein Text den Blog Award gewinnen soll. Ich freue mich sehr über diese tolle Unterstützung! Vielen Dank!









Sonntag, 26. Februar 2012

Im Hospiz

Als ich letztes Jahr am 2. Weihnachtsfeiertag meine Oma im Krankenhaus in Berlin besuche, erwartet mich ein erbärmlicher Anblick. Sie liegt allein in einem grell beleuchtetem Krankenzimmer. Das graue Krankenhausnachthemd ist ihr viel zu groß. Die Haare sind wirr, die Bettdecke verrutscht. Meine Oma hat unheimlichen Durst, ist aber nur an einen Tropf mit Kochsalzlösung angeschlossen. Die Lippen und die Zunge sind trocken und borkig. Oma hat ihre Zähne nicht drin, deshalb sieht sie ungewohnt aus. Das Sprechen fällt ihr schwer.
Sie ist gezeichnet von der Krebserkrankung, an der sie fünf Tage später sterben wird. Die Krankenschwestern laufen an ihrem Zimmer vorbei. Die letzte Zimmernachbarin hat sich über Oma beschwert, sie würde zu viel jammern. Oma sollte sich doch mal zusammenreißen. Die Schmerzmittel werden nur sparsam gegeben, sie könnten ja abhängig machen.
Als ich mich über meine Oma beuge, ist sie begeistert von meinem Duft. Ich soll doch mal in ihrem Kulturbeutel nachschauen, da hat sie auch was zum Duften drin. Ich finde ein kleines Fläschchen Kölnisch Wasser und betupfe Oma damit. Sie freut sich so sehr darüber. Dann hätte sie gerne ihr Halstuch um und noch eine Bettdecke, ihr ist doch so kalt. Sie fühlt sich einsam und unverstanden.

Ich hoffe, dass sie diese Nacht noch überlebt, denn am nächsten Tag soll sie in ein Hospiz verlegt werden. Mein Papa hat das organisiert. Die Warteliste war lang und mit Glück hat Oma doch einen Platz bekommen.
Am nächsten Tag wird sie in das Hospiz verlegt. Dort wird sie gewaschen, frisiert, bekommt ihre Zähne eingesetzt und ihre eigenen Sachen angezogen. Sie ist keine Patientin sondern Gast. Und so wird sie auch behandelt. Sie bekommt ein bißchen Kaffee zu trinken und jeder Wunsch wird ihr erfüllt. Sie bekommt Schmerzmittel, so viel wie nötig. Sie blüht unter der Fürsorge noch ein letztes Mal auf. Sie hat ihre Würde wiederbekommen. Das Zimmer ist warm und freundlich und ähnelt eher einen schönen Hotelzimmer.
Dass die Silvesternacht anbricht, bekommt Oma schon gar nicht mehr mit. Dennoch ist ihr Nachttisch mit Papierschlangen und Luftballons geschmückt. Um 23.47 Uhr stirbt meine Oma. Allein die Angabe der Uhrzeit besagt, dass jemand an ihrem Bett gesessen hat. Das finde ich sehr beruhigend. Vor der Zimmertür brennt zum Zeichen für alle anderen Bewohner eine Kerze. Mein Papa fährt am nächsten Morgen ins Hospiz um Oma nochmal zu sehen. Auf dem Nachttisch brennen Kerzen und eine Rose liegt darauf. Oma ist vollständig angezogen, sogar ihre Mütze hat sie auf. Ihr Halstuch liegt schön drapiert über ihren Beinen. Mein Papa sagt, es war schön. Traurig, aber einfach schön.
Angehörige werden im Hospiz auch nach dem Tod noch weiterbetreut. Es gibt ein Trauercafé mit Ansprechpartnern und alle paar Monate Gedenkfeiern für alle und ein Beisammensein bei Kaffee und Kuchen. Diese Erfahrung war wichtig für unsere ganze Familie. Es ist nur jedem zu wünschen, dass er, wenn es soweit ist und nötig ist, so umsorgt an einem schönen Ort sterben darf.

Im Süden Hamburgs soll ein Hospiz eröffnet werden. Es gibt tatsächlich Anwohner, die deshalb einen Wertverlust ihrer Immobilie fürchten. Mütter möchten ihren Kindern "den Anblick des Todes" ersparen. Leichenwagen würden stören. Die Vorstadtidylle ist in Gefahr. Ich spare mir weitere Worte. Ich schüttle nur den Kopf...


Noch etwas: ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich im Krankenhaus niemandem einen Vorwurf machen möchte! Durch etliche Krankenhausaufenthalte und Krankenschwestern im Bekanntenkreis habe ich genug Einblick in den Krankenhausalltag gewonnen. Das System ist so, wie es leider ist. Die Zeit ist knapp, der Stress hoch. ...

Dienstag, 3. Januar 2012

Meine Oma

"Für jeden Gast ein halber Kuchen." so rechnete man damals in Ostpreußen. Was müssen das für Feste gewesen sein! Sicher haben sich die Tische auf dem Hof gebogen.

Die Flucht im eisigen Winter 1945 über die zugefrorene Ostsee machte allem ein Ende. 16 Jahre alt war meine Oma, als sie mit ihrer Familie alles zurücklassen musste. Sie erlebten unvorstellbare Dinge. Irgendwie landeten sie in Mecklenburg. Meine Oma fand einen Mann, es gab nicht viele nach dem Krieg. Er war bei der Eisenbahn.

1953 wurde meine Mutter geboren. Sie führten ein einfaches Leben. Wismar wurde ihr zu Hause. Die Möbel, die zu Beginn der Ehe angeschafft wurden, hielten bis zum Schluss. Es wurde kein Schnickschnack gekauft. Wechselnde Dekorationen gab es nicht. Das Obst aus Wachs da in der Schale im Flur hat Jahrzehnte überdauert. Abdrücke von kleinen Zähnchen zeigen, dass mein Bruder und ich und sogar meine Kinder die Echtheit des Obstes überprüft haben.

Ich habe früher meine Ferien oft bei Oma verbracht. Im Sommer fuhren wir an die Ostsee. Oma kam nicht mit ins Wasser, sie hatte nie schwimmen gelernt. Ich blieb stundenlang drin und sie sorgte sich, dass ich mich erkälten könnte. Wir gingen in den Tierpark, liefen zum Hafen, gingen Eis essen im Lindengarten oder Enten füttern am Mühlenteich. Im Winter schauten wir Wintersport im Fernsehen an, spielten Mühle und Mensch-ärgere-dich-nicht und puzzelten. Es war so herrlich langsam, das Leben damals. Es gab selbstgemachtes Birnenkompott, eingelegten Kürbis, Plinsen, Zitronenkuchen und am Sonntag Rouladen. Beim Essen musste ordentlich zugelangt werden, ansonsten war Oma beleidigt. Vor dem Essen und am Abend beteten wir. Manchmal waren wir schon fast in der Stadt, als Oma nochmal zu Hause nachschauen musste, ob der Herd auch wirklich aus ist. Ich wartete dann solange auf sie. Beim Abwaschen füllte Oma dampfend heißes Wasser ins Spülbecken. Es machte ihr nichts aus. Sie war immer schlicht und adrett gekleidet. Bei der Arbeit im Haushalt trug sie eine Schürze. Nie habe ich sie in sogenannten Hausklamotten gesehen. Zu Ostern färbte sie 30 Eier und rieb sie mit einer Speckschwarte ein, damit sie schön glänzten.

Sie überstand Nierenkrebs. Sie pflegte ihre Mutter, meine Uroma, lange selbst, bis sie sie in ein Heim geben musste. Im Jahr 2000 starb ihre Mutter mit knapp 100 Jahren. Mein Opa starb kurze Zeit später sehr überraschend. Wir holten meine Oma zu uns nach Berlin. 2004 starb ihre Tochter, meine Mutter. Das war schwer für uns alle. Oma hatte ab jetzt immer das Gefühl, dass sie niemanden mehr hat. Ab und zu steckte Oma mir einen Geldschein zu. Nie ohne ihre kleine Rente zu erwähnen. Sie war sehr sparsam. Zum Geburtstag und zu Weihnachten bekam ich von ihr immer eine Packung Jakobs Krönung Kaffee geschenkt. Eingewickelt in Geschenkpapier. Oma gönnte sich selber nichts. Bekam sie etwas geschenkt, war ihr das fast unangenehm. Der Rollator, den der Arzt ihr verschrieben hatte, stand nur in der Ecke. "Damit gehen doch nur alte Leute!"

Im letzten Jahr kam der Krebs zurück. Sie galt als geheilt, bis sie eine Woche vor Weihnachten ins Krankenhaus kam. Es war zu spät. Am 2. Weihnachtsfeiertag fuhr ich nach Berlin, um mich von meiner Oma zu verabschieden. Mir war nie so sehr aufgefallen, wie hellblaue Augen sie doch hatte. Uns beiden war klar, daß wir uns das letzte Mal sehen. Sie war nochmal ganz wach und wir brauchten uns nur ansehen und haben uns verstanden. Ihre letzten Tage durfte sie glücklicherweise in einem Hospiz verbringen. Dafür bin ich sehr dankbar. Dort wurde ihr ihre Würde zurückgegeben. Silvester war ihr Zimmer mit Luftballons geschmückt. Am letzten Tag des Jahres, dem Geburtstag ihrer Mutter, kurz vor Mitternacht, wurde meine Oma von ihren Leiden erlöst. Vor ihrer Zimmertür brannte eine Kerze.

"Für jeden Gast ein halber Kuchen." Ich würde nie auf die Idee kommen, es anders zu machen.