Da ist sie also, die Zahl. Hui. Seit einer Woche bin ich tatsächlich 50 Jahre alt. Früher dachte ich, da wäre ich alt und erwachsen. Erstaunlich, dass mein Wesen an sich gar nicht gealtert ist. Ich durfte viele, viele Erfahrungen sammeln, gute wie schlechte, und bin dankbar für jeden neuen Tag, der mir gegeben wird.
Zum Geburtstag schenkte ich mir selber eine Reise nach Berlin. Schon letztes Jahr im Oktober hatte ich das geplant. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich das heißeste Wochenende des Jahres erwischen würde!
Am Samstag, den 27. Juni, verzögerte sich die Anreise mit der Bahn mit vorheriger Ansage. Die Bahn selber riet nämlich vom Reisen ab. Der Zug hielt mehrmals auf der Strecke. Ich kam dann auch nur zwei Stunden zu spät in Berlin an. Immerhin war mein Wagen klimatisiert, Wasser wurde auch ausgeteilt, das war alles hinnehmbar.
Nachdem ich meine Sachen ins Hotel gebracht hatte, begab ich mich am Abend zu meinem ersten Ziel in Berlin. Ich überquerte den Alexanderplatz...
... kam vorbei an dem Haus, an dem der Schriftzug "ALLESANDERSPLATZ" prangt. (Menschen meines Alters erinnern sich, dass an diesem Platz tatsächlich mal alles ganz anders war, Irgendwo in Berlin steht auch ein Haus, an dem steht geschrieben "Dieses Haus stand einmal in einem anderen Land.") ...
... und erreichte das Kino "International", das nach der Renovierung wieder vertraut strahlte. Dort sah ich in dem fast ausverkauften großen Saal den wunderbaren Film "Ingeborg Bachmann" mit der von mir sehr geschätzten Sandra Hüller. Von mir aus hätte der Film noch viel länger dauern können.
Blick am nächsten Morgen um 5 Uhr aus meinem Hotelzimmerfenster. Meine normale Aufstehzeit. Natürlich. Doch ich drehte mich nochmal um und schlief ein bisschen weiter. Dank des klimatisierten Hotelzimmers war das zum Glück kein Problem.
Der Sonntag sollte einer der heißesten Tage der bisherigen Wetteraufzeichnungen werden. An die 40 Grad Celsius wurden für Berlin registriert. Ich trottete die Oranienburger Straße in Berlin-Mitte entlang. Es waren fast keine Menschen auf der Straße unterwegs. Es fühlte sich an, wie in einem Airfryer.
Nach dem Film lief ich wieder gaaaanz langsam die Oranienburger Straße runter bis zum "Tacheles". Das ehemalige Kaufhaus wurde 1909 eröffnet und war damals die zweitgrößte Einkaufspassage Berlins. Nach einer sehr wechselvollen Geschichte mit ganz unterschiedlichen Nutzungen sollte der Rest des Gebäudes abgerissen werden. Im Jahr 1990 wurde das Gebäude aber von einer Künstlerinitiative besetzt und war bis 2010 ein Kunst- und Veranstaltungszentrum. Ich war dort früher auch auf diversen Veranstaltungen, wie Lesungen, Konzerten, habe das Café besucht und tanzte in den Sommernächten im Hinterhof am Lagerfeuer.
Mein Ziel war das Fotografiemuseum "Fotografiska", das ich schon lange mal besuchen wollte. Das Gelände des Tacheles wurde in den letzten Jahren verkauft, saniert und neu mit Büros, Wohnungen und Geschäftshäusern bebaut. Dabei wurde der Mittelteil des ehemaligen Kaufhauses erhalten.
Die Fotos von Anton Corbijn waren mein Ziel. Total vertraut kamen sie mir vor, ich hatte sehr viele von ihnen schon irgendwo gesehen. Kein Wunder, der niederländische Künstler prägte mit seinen Arbeiten das visuelle Erscheinungsbild von Bands wie U2 und Depeche Mode und hatte in fast fünf Jahrzehnten viele unterschiedliche Stars vor seiner Kamera. Anton Corbijn war auch verantwortlich für Musikvideos und drehte einige Spielfilme.
Am Abend wollte ich an einem der schönsten Orte in Berlins Mitte entspannen. Ich erhoffte mir ein bisschen Abkühlung an der Spree. Ich lief an Dom und Lustgarten entlang...
... bis zur Museumsinsel. Am Monbijoupark genau gegenüber vom Bodemuseum fand wieder das Tanzen zu lateinamerikanischen Rhythmen statt, da schaute ich eine Weile zu. Ich holte mir eine tolle frische Pizza aus dem Steinbackofen und teilte sie mit zwei jungen Frauen. Ich hatte außerdem ein kühles Getränk und liebte Berlin in diesem Moment bei Sonnenuntergang wieder sehr, sehr, sehr.
Am Montagvormittag war ich in Lichterfelde-West verabredet. Auch hier wandelte ich wieder auf alten Pfaden. Mein erster Mann wohnte hier Anfang der 90er Jahre in einer WG. Und Ende der 90er Jahre hütete ich in einer wunderschönen alten Villa zwei Kinder einer Arztfamilie, bis ich selber mein erstes Kind bekam. Das war eine schöne Zeit und tatsächlich war hier in dieser ruhigen und grünen Wohngegend gefühlt am wenigsten Zeit vergangen.
... in noch eine Gegend, die mir auch sehr vertraut war. In Berlin-Steglitz wohnte ich, als ich mein erstes Kind zur Welt brachte. Genau da am "Bierpinsel", einem ehemaligen Turmrestaurant, lief ich auf meinen Spaziergängen mit dem Kinderwagen fast täglich entlang....
... vorbei an einem der besten Spielzeugläden der Stadt. Die Architektur der 70er Jahre an dieser Stelle muss man allerdings schon mögen.
Foto, weil ich das vom Leben in einer Kleinstadt nicht mehr gewohnt bin: die nächste U-Bahn lässt nicht lange auf sich warten. Das finde ich immernoch grandios!
Meine Abendverabredung führte mich in die "City West", also die Gegend rund um den Bahnhof Zoologischer Garten. Im Theater des Westens läuft aktuell ein Musical, das in den 90er Jahren verortet ist.
Ich sah aber mit meiner Freundin in dem schönen historischen Delphi Filmpalast den Film "Das Sommerbuch" nach dem gleichnamigen Buch von Tove Jansson. Wunderbar! Genau mein Film! Ganz gemächlich plätschert der Film dahin, mit wunderschönen Bildern von skandinavischem Meer und Himmel, untermalt mit wunderbarer Musik und gut gespielt u.a. von Glen Close!
Dienstag der 30. Juni stand schließlich ganz im Zeichen des Hauptgrunds meiner Reise: dem Konzert von Nick Cave und seiner Band in der Berliner Waldbühne. Vormittags war ich noch ein paar Dinge einkaufen, mittags machte ich im Hotelzimmer ein Nickerchen, bis ich am frühen Abend in die S-Bahn Richtung Westen zur Waldbühne in der Nähe des Olympiastadions stieg.
Gerade als ich überlegte, ob es eigentlich eine Vorband geben würde, erklang um 19:25 Uhr schon die erste Musik. Überpünktlich! Oh, nun musste ich mich beeilen! Nun waren die Ränge schon gut gefüllt. Um die 22.000 Personen passen in die Waldbühne hinein. Ich hatte einen schönen Platz, es war beim Buchen im Oktober einer der letzen guten Plätze. Neben mir saßen sehr nette Paare.
Die Sonne blendete noch ziemlich, ich trug Sonnenbrille, musste aber die meiste Zeit meine Augen mit den Händen abschirmen. Das Publikum war gleich vom ersten Lied an in den Bann gezogen. Ganz andächtig lauschten wir alle dem Gesang von Nick Cave und verfolgten das Spiel der Bandmitglieder. Die Akustik war sehr gut, auf zwei großen Leinwänden links und rechts der Bühne konnten wir das Geschehen in verfolgen. Teilweise saßen wir mit offenem Mund da, weil wir gar nicht glauben konnten, was wir da gerade sehen und hören durften.
Um 21 Uhr hatte ich genug vom Sitzen. Ich wollte mich bewegen und tanzen. Ich holte mir noch ein Getränk, lief die Ränge entlang und hielt Ausschau nach einem guten Platz zum Stehen. Das war gar nicht so einfach, alle Plätze mit guter Sicht waren schon besetzt und das Servicepersonal sorgte penibel dafür, dass alle Treppen und Fluchtwege freiblieben. Oben am Rand einer großen Treppe fand ich noch einen Ort für mich. Den Rest des Konzertes tanzte ich. Die Stimmung unter den Fans um mich herum war wohlmeinend und richtig gut.
Gegen 22 Uhr endete das Konzert. Ganz beseelt mit viel Musik im Kopf machte ich mich mit der S-Bahn auf den Weg zurück ins Hotel, wo ich erst gegen 1 Uhr einschlief.
Am 1. Juli fuhr ich ohne Probleme mit der Bahn von Berlin zurück nach Wismar. Zu Hause waren die Kinder in der Küche gerade dabei, einen Kuchen zu backen. Ich meinte, sie sollen sich keinen Stress machen, der Kuchen würde auch ohne Schokoladenglasur schmecken. Puderzucker würde auch gut passen.
Am Frühstückstisch haben wir dann alle zusammen herzlich gelacht, als uns auffiel, dass ich lieber nicht riskieren sollte, die Kerzen auszupusten. Also blieben sie aus. Es war trotzdem ein schöner Morgen. Auf der Arbeit spendierte ich dem Team Kaffee und Kuchen, ich selber konnte wegen meiner Zahnsituation nicht gut teilnehmen.
In Berlin war es heiß!!! Es war so heiß, dass die Wasserwerfer der Berliner Polizei eine ganz neue Aufgabe bekamen: Menschen abkühlen, wie hier direkt vor dem Fernsehturm.
Ich hoffte auf Abkühlung im Kino der Hackeschen Höfe. Doch die Klimaanlage schaffte es nicht mehr. Wir waren aber nur zu sechst im sehr interessanten Film "Rose", wieder mit Sandra Hüller. Irgendwann wurde es aber doch ein bisschen kuschlig im plüschigen Kinosessel. Immerhin konnte man sich im Kino keinen Sonnenbrand holen.
Genau gegenüber befindet sich heute ein neuer Spruch an einer Hauswand, der das bekannte Wandbild "How long is now" am Tacheles aufgreift.
Beim Betreten des Treppenhauses wurde ich wieder in der Zeit zurückgeworfen. Whoah, genau so sah das Treppenhaus damals schon aus! Interessiert beobachtete ich meine Emotionen bei diesem Anblick. Gefühlt hatte ich dieses Treppenhaus gerade erst passiert! Nur sind seitdem an die dreißig Jahre vergangen. Die Zeit ist schon ein merkwürdiges Konstrukt.
(Warum ich immer ein bisschen länger für meine Blogeinträge brauche: an dieser Stelle recherchiere ich zum Begriff der Zeit und zum Zeitempfinden und lese sehr interessante Dinge darüber.)
Meine Verabredung war wunderschön! Ich will an dieser Stelle nicht zu viel erzählen, so kostbar war dieses Treffen für mich. Aber die Stunden mit einer mir sehr vertrauten verwandten Person machten vieles wieder gut und ich habe das Gefühl, es entstand wieder eine ganz neue Verbundenheit zwischen uns. Innerlich sehr weich und glücklich, mit ein paar Tränen in den Augen, machte ich mich wieder auf den Weg...
Ich hatte noch gedacht, ich könnte auf der knapp halbstündigen Fahrt gemütlich meine Zeitung lesen, nein, ich stand, die Bahn war ab Hauptbahnhof mit offensichtlichen Nick-Cave-Fans völlig überfüllt. Gegen 18:15 Uhr erreichte ich die Waldbühne. Nach einem kurzen Spaziergang durchs Grüne lief der Einlass schnell und problemlos.
Es ist übrigens wirklich eine Bühne mitten im Wald! Die Ränge steigen in dieser natürlichen Schlucht steil an wie in einem Amphitheater. Von allen Plätzen hat man eine sehr gute Sicht.
Als ich ankam, waren die Ränge noch ziemlich leer. Ich schaute kurz nach meinem Platz und lief dann eine Weile umher, holte mir an einem der unzähligen Stände etwas zu essen und zu trinken und saugte die Atmosphäre in mich auf. Weil die Sonne genau auf meinen Platz noch ziemlich herunterbrannte, wollte ich so lange wie möglich im Schatten bleiben.
Die Musik von Nick Cave ist ja teilweise sehr melancholisch oder fast düster, ihn aber live beim Singen zu beobachten und seine tolle tiefe Stimme zu hören, war ein ganz besonderer Genuss. Er nahm besonders mit dem Publikum direkt vor der Bühne sehr engen Kontakt auf. Das Publikum war ansonsten in dieser riesigen Arena fast mucksmäuschenstill. Ich hatte das Gefühl, niemand wollte auch nur eine einzige Note verpassen.
Bei der Zahnpflege am Abend fiel mir erneut meine Zahnkrone raus. Sehr unschön. Ich überstand die Nacht und plante einen Besuch bei meiner Zahnärztin.
Sonnenaufgang an meinem Geburtstag:
Am frühen Nachmittag endlich wurde das Zahnproblem behoben. Es wurde dann noch ein sehr angenehmer Tag, der mit einem abendlichen Familienessen im Restaurant und einem kleinen Open-Air-Konzert in Wismars Innenstadt ausklang. Die richtig große Feier folgt noch...
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