Donnerstag, 17. September 2015

Heute habe ich meinen Kindern Schuhe gekauft.

Gestern sagten mir das Mutzelchen und der kleine Bruder zeitgleich, dass ihre Zehen in den Schuhen vorne anstoßen würden. Schon wieder! Also radelte ich heute mit den beiden zum nahe gelegenen Einkaufszentrum, ging mit ihnen in den Laden und ließ sie sich Schuhe auswählen. Die teuersten sollten es nun nicht gerade sein, aber dennoch hatten sie genug Auswahl und fanden jeder ein Paar, das ihnen gefiel. Nach dem Bezahlen wollten sie ihre neuen Schuhe gleich anbehalten und riefen der Kassiererin fröhlich "Danke für die tollen Schuhe!" zu, bevor sie den Laden hüpfend verließen.

Heute habe ich meinen Kindern Schuhe gekauft.
So alltäglich. So normal. Heute aber etwas ganz Besonderes für mich.

Gestern Abend erreichte mich eine Bitte um Hilfe in der Facebook-Gruppe, in der sich Menschen aus dem Stadtteil vernetzen. Seit dem Wochenende befindet sich in einem Industriegebiet direkt in unserer Nachbarschaft eine zentrale Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. 600 Menschen sind schon da, bis zu 1500 können es noch werden.

Für heute Morgen wurden Menschen gesucht, die Gruppen von Frauen und Kindern in das nahe gelegene Gymnasium begleiten. Dort wurden die Duschen in der Turnhalle zur Verfügung gestellt, weil in den Lagerhallen der Unterkunft keine ausreichenden Sanitäranlagen vorhanden sind. Container sind bestellt, sind aber noch unterwegs. Ich bot also auch meine Hilfe an.

Vor der Halle trafen wir uns: die Kinderärztin, der Zeitungsladenbesitzer, die Lehrerin, die Nachbarinnen und Nachbarn. Wir teilten uns ganz spontan und schnell auf und begleiteten Grüppchen von Frauen und Kindern zu den Duschen. Junge und alte Frauen, kleine und größere Kinder. Es wehte ein ziemlich frischer Hamburger Herbstwind. Die Frauen und Kinder, die direkt von der Flucht kamen, froren sehr. Wir liefen an der Straße entlang und kürzten ab, indem wir über den Sportplatz der Schule liefen. Beim Anblick des riesigen Rasens rannten die Jungen auf das saftige Grün und riefen "Football, Football!" und strahlten. Besonders ein kleines Mädchen, vielleicht 4 oder 5 Jahre alt, das direkt vor mir ging, hatte mehr Probleme mit dem Laufen. Bekleidet mit kurzen Hosen, ohne Socken und absolut nicht passenden pinken Plastikschuhen mit Absatz, stolperte sie oft. Wie lange sie wohl schon in diesen Schuhen gelaufen war? Ich konnte es mir nicht ausmalen.

In der Turnhalle angekommen, teilte sich die Gruppe auf. Vom nahe gelegenen Krankenhaus gespendete Handtücher wurden verteilt. Wir Helferinnen warteten draußen und hatten Zeit, unsere Erlebnisse durch Gespräche zu verarbeiten. Die völlig unzureichend gekleideten Kinder gingen uns besonders ans Herz. Ab und zu hörten wir Lachen und Qietschen durch die angekippten Fenster. Das Duschen machte den Kindern offensichtlich Spaß.

Auf dem Rückweg reifte der Entschluss: wir können nicht mehr warten - die Kinder können nicht mehr warten, sie brauchen sofort Kleidung und Schuhe. Kleidung sollte eigentlich aus den Hamburger Messehallen angeliefert werden, wo ehrenamtliche Helferinnen und Helfer seit Wochen ganz großartige Arbeit leisten. Jetzt musste es aber schneller gehen.

Da der Liebste etwas angeschlagen war, war er heute zu Hause geblieben. Wie gut. Ich schrieb ihm noch im Gehen eine SMS. Ob wir bitte unsere Kartons ins Auto packen können? Jetzt sofort? Seit einiger Zeit stehen die fertig gepackt und sortiert bereit. Kinder- und Jugendkleidung und Schuhe in allen Größen. Jetzt wurden sie gebraucht. Ich packte noch eine große Kiste mit Holzbausteinen und Babyspielzeug dazu.

Wir fuhren unsere Ladung bis vor die Halle. Die Kinderärztin wies uns ein und hatte Kontakte geknüpft. Die Klappe unseres Autos war kaum auf, da waren schon genug Männer zum Tragen da. Sogar Flüchtlinge, die selber in der Schlange zur Erstaufnahme gestanden hatten, packten mit an und trugen die schweren Kartons hinein in den Eingangsbereich. Am Nachmittag kamen dann auch noch mehr Spenden zum Lindern der ersten Not dazu.

Heute habe ich meinen Kindern Schuhe gekauft. In Demut und Dankbarkeit.


Kommentare:

  1. Schnief...
    mich berührt es. In Demut und Dankbarkeit.
    Ich mecker oft auf so hohem Niveau.
    Und bin beschämt über was ich manchmal mecker.
    Liebe Grüße

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  2. Du sprichst mir aus dem Herzen. Dankbar und dehmütig bin ich in letzter Zeit so häufig!

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  3. das ist ein sehr berührender und wunderschöner bericht der mich an den spruch erinnerte, ich weinte weil ich keine schuhe hatte bis ich einen mann sah, der ohne füsse war...

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  4. Hallo Carola,

    könntest du die Facebook-Gruppe verlinken? Ich finde die Seite nicht und hätte auch noch ein paar Sachen abzugeben. Grüße von Claudia aus Rahlstedt

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    1. Im Moment werden keine Spenden angenommen.

      Alle Informationen findest Du auf meiendorf-hilft.de

      Danke Dir!

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  5. Schön geschrieben! Seit mehreren Wochen stehe ich von früh morgens bis sehr spät abends auf den Beinen und bin erstaunt wo her ich die Kraft her nehme, nach meiner eigentlichen Arbeit noch bis spät in den Abend in den Messehallen zu stehen. Wenn ich dann mit schmerzenden Füssen den Heimweg antrete weiß ich, solche Erlebnisse sind es. Es gibt Zeiten wo man sitzt und es gibt Zeiten wo man steht! :-) Es tut so gut zu sehen, zu spüren und zu erleben wieviele Menschen gleiche Ziele verfolgen!!
    Hab ein schönes Wochenende!
    Gruß nadine

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  6. das hast du super geschrieben
    Liebe Grüsse Claudia

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  7. sehr bewegender Beitrag - wie genial, daß ihr spontan helfen konntet!!!

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