Dienstag, 4. November 2014

Mein Mauerfall - Teil 3

Vielen Dank für die vielen Kommentare und interessierten Nachfragen zu meiner Tagebuchabschrift! (Teil 1 und Teil 2)

Bitte versteht, ich kann und will es nicht leisten, den geschichtlichen Hintergrund zu kommentieren. Ganz aktuell findet sich dazu eine Menge in den Medien, z.B. hier oder hier.

Was ich vielmehr damit aufzeigen will: es gab in dieser aufregenden Zeit auch einen ganz normalen Alltag für mich. Schule, Pferde, Freundinnen und Jungs... ich denke, das machen sehr viele Mädchen mit 13 Jahren durch. Natürlich haben wir im Fernsehen das Geschehen verfolgt, das schließlich zum Fall der Mauer führte. Aber in meinem Tagebuch ging es um mich und meine Gedanken als Teenager. Mein Leben hätte sich täglich von Grund auf ändern können und deshalb war ich einfach froh um jeden Tag, den ich ganz normal weitermachen konnte.

Die Trennung Deutschlands hat mein ganzes Leben lang eine Rolle gespielt. Wir hatten Verwandte in West- Berlin und der Bundesrepublik. Es gab Post, Telefonate und seltene Besuche. Die Teilung war immer, immer präsent! Der Ausreiseantrag lief jahrelang. Meine Eltern wollten aber nicht flüchten, sondern den offiziellen Weg beschreiten. Flüchtete man, stand man auf einer schwarzen Liste und durfte Jahre nicht mehr zu Verwandtenbesuchen zurückkommen. Das wollten meine Eltern nicht. Sie haben sich ruhig verhalten, weil da auch immer die Angst war, ihnen könnten die Kinder weggenommen werden.

Jetzt geht es also weiter mit dem 3. Teil. (Alle Namen sind geändert.)



12. Oktober 1989

Heute habe ich es erfahren! Wir ziehen nach drüben! Wir haben heute Schuhe gekauft und da standen so Hausschuhe, die sahen aus wie Stiefel. Da hat Mutti zu mir gesagt: „Wie findest Du sie?“ Ich sagte: „Nee, danke, in unserer Wohnung ist es doch so warm!“ Mutti sagte daraufhin: „Im Winter werden wir nicht mehr in unserer Wohnung sein. Wir dürfen raus!“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich habe fast geheult. Was soll ich nur machen? Jedenfalls werde ich Manuela immer anrufen und so oft wie möglich besuchen.

16. Oktober 1989

Heute waren wir in den Rathauspassagen am Alex um eigentlich Stiefel zu kaufen. Stiefel gab es nicht, aber ich habe ganz schicke schwarze Schuhe für 102 Mark bekommen. Dabei habe ich doch schon vor einer Woche neue Schuhe bekommen. Wahnsinn!

24. Oktober 1989

Eben war Papas Arbeitskollege da und hat den kleinen Fernseher abgeholt. Der hat gefragt: „Und, alles klar?“ Papa sagte: „Ja, am 14. November kriegen wir unseren Laufzettel.“ Das heißt, daß wir wirklich rüberziehen! Ich kanns noch nicht fassen!

26. Oktober 1989

Heute ist Frau Lange wiedergekommen. Ich habe in Geschichte eine 2 und in Bio eine 1 bekommen. Gestern war ich wieder beim Reiten. Grando und Schimmel sind weg, dafür haben wir 2 neue Stuten bekommen. Maik hat mir zwei Briefe gegeben mit lauter Herzchen und so. Er hat mir geschrieben, daß er mich sehr mag und wie ich ihn finde und so. Heute habe ich Mutti gefragt, ob wir nun wirklich rüberziehen da hat Mutti gesagt: „Ja, noch dieses Jahr.“ Also in den nächsten zwei Monaten.

31. Oktober 1989 

Frau Lange hat unseren Sitzplan geändert. Jetzt sitze ich neben Ingo. Naja. Aber in der Zeit, in der ich noch hierbleibe, etwa 1 Monat, ist das nun auch egal. Nächsten Donnerstag kommt meine Schrankwand weg. Morgen holen Mutti und Papa schon unseren Laufzettel ab. Also könnten wir Ende November schon drüben sein. Was soll ich nur mit Manuela machen? Sie ist dann ganz alleine. Aber mir wird es bestimmt auch nicht besser gehen. Hoffentlich bekommen wir eine Wohnung. Unsere Tante hat schon eine.

1. November 1989

Heute war ich wieder beim Reiten. Maik war ganz normal. Auf dem neuen Pferd sind wir auch geritten. Wenn man nicht richtig draufsitzt und nicht Leichttrab macht, läuft es immer immer schneller. Als ich draufsaß ging es am Anfang noch, aber dann sollte ich Trab machen und konnte keinen Leichttrab. Da machte ich die Augen zu und dachte: „Na jetzt kann ich mich bestimmt nicht mehr halten!“ Und schon fiel ich runter. Ich weinte ein bißchen, meine Rippen links unten und mein rechter Arm taten weh. Ich bin nicht nochmal aufgestiegen.

2. November 1989

Heute habe ich in Bio eine 2 bekommen. Jetzt ist es sowieso egal, was ich für Zensuren bekomme, ich krieg ja sowieso kein Zeugnis mehr. 
Heute nachmittag, nach der Gruppenratswahl, sagte ich Frau Lange, daß wir rüberziehen. Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Katja stand noch vor der Tür, hörte es und erzählte es sofort den anderen. Manuela heulte so doll los und ich weinte auch. Frau Lange ist dann mit uns in die Gaststätte gegangen und hat uns Saft und Kuchen spendiert. Wir haben uns unterhalten, wie es weitergehen soll. Ist ja toll, jetzt wissen es also alle!

11. November 1989

Heute schreibe ich mal wieder. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert. 

9.11. DDR- Bürger stürmen am Abend die Grenze an der Bornholmer Straße und gehen rüber, Erich Honecker ist schon im Oktober zurückgetreten, Egon Krenz neuer ZK- Vorsitzender. Papa hat das mit der Grenzöffnung im Fernsehen gesehen und wollte Mutti wecken, aber die sagte „Quatsch.“ und wollte nur schlafen.

10.11. Ben hat Geburtstag und wird 9. In der Schule waren alle ganz aufgeregt und plapperten durcheinander, aber gleich in der 1. Stunde hieß es „Hefte raus! Diktat!“ Wir sollten still sein. Kein einziges Wort über die Maueröffnung! Dabei wollten wir bloß darüber reden. Jetzt kann jeder unter Vorlage seines Ausweises rüberfahren. Als ich aus der Schule kam, war niemand zu Hause. Oma rief an und fragte, ob Mutti und Papa da sind. Ich sagte nein. Da rief sie „Sie sind im Westen, sie sind im Westen!“ Ich überlegte, ob sie wiederkommen und wieviel Essen wir noch im Haus haben. Falls sie nicht wiederkommen, muß ich mich um Ben kümmern. Sie kamen dann aber doch wieder. Sie waren im Westen. Aber nur um einzukaufen. Sie brachten ganz viel mit z.B. Kellogs Toppas. Schmeckt komisch.

11.11. Heute sind wir rübergefahren. Am Grenzübergang Bornholmer Straße haben wir 2 Stunden gewartet. Bis zur Spitze standen wir mit unserem Auto an! Es ging nur sehr langsam voran. Hinter der Grenze stand ein LKW vom Kaisers Kaffeegeschäft. Dort wurden Bananen in die Menschenmenge geworfen. Ich fand das peinlich. Wir fuhren zu unserer Tante. Wir wollten zu Karstadt, das war aber zu. U- Bahn eine Station gefahren, war knackevoll! An einem Imbißstand aßen wir einen „Döner Kebab“. Ich esse das nie wieder. Wir schauten uns noch die Geschäfte an. Wir kauften aber nichts, weil das meiste schon zu hatte. An einem Kramautomaten haben wir einen Smiley- Anstecker bekommen. Die Straßen drüben sind ganz bunt und glatt gebaut. Es gibt viele Brücken. Die Wohnung von meiner Tante gefällt mir. Dort werden wir wohl zu Anfang wohnen. Immer wenn wir rüberfahren, nehmen wir Sachen von uns mit und stellen sie dort unter. Wenn wir alles drüben haben, ziehen wir um. 

12. November 1989

Heute waren wir den ganzen Tag drüben. Es war super! Bei der Sparkasse haben wir 300 Westmark bekommen. Bei der Gemeinde im Gottesdienst war es ganz toll. Viele Leute sagten uns guten Tag, die ich gar nicht kannte. Danach sind wir zu Wolworth gegangen. Es war knackevoll. Die Spielzeugabteilung war erstmal ein Erlebnis!!! Die ganzen Plüschtiere! Süß!!! Ben hat sich ein Matchi ausgesucht. Jeder von uns durfte sich nämlich für 5 DM was aussuchen. Ich wollte erst ein süßes Schweinchen haben, legte es dann aber zurück. Dann gab es noch Smileys mit so Klebdingern fürs Fenster, die wollte ich aber auch nicht. Papa und Ben standen schon an der Kasse an und ich guckte noch ein wenig. Endlich hatte ich eine kleine Maus für 99 Pfennig gefunden und ging zur Kasse, da hatten Papa und Ben gerade bezahlt!!! Ich mußte die Maus wieder zurücklegen. Ich hätte heulen können! Naja, dafür habe ich jetzt noch 5 DM und Ben hat sein Geld schon ausgegeben. Nächstes Mal, wenn wir fahren und die Geschäfte wieder mal Ware bekommen haben, kaufe ich mir auch was Schönes. Es war trotzdem toll! Morgen vor der Schule werden wir erstmal erzählen, dann waren alle in der Klasse mal drüben. 

19. November 1989

Heute sind wir ganz früh aufgestanden und zum Gottesdienst nach drüben gefahren. Unser Umzug ist am 29. November. Mit Manuela habe ich schon einen großen Eisbecher zum Abschied gegessen. Morgen gehe ich die letzte Woche zur Schule.





22. November 1989

Heute fiel der erste Schnee. Inzwischen hat sich alles zu Matsch und dann zu Eis gebildet. Es ist sehr glatt. Mehr gibt es wirklich nicht. Zur Schule gehe ich bis Freitag.

27. November 1989

Nun habe ich gerade Langweile, darum schreibe ich. Ich gehe jetzt nicht mehr zur Schule. Unsere Wohnung ist schon ganz leer, alle Möbel wurden weitergegeben. Neulich schlief ich noch, da wurde ich geweckt und sollte in Muttis Bett weiterschlafen. Derweil wurde meine Liege abgezogen und abtransportiert. Von meinen 5 DM habe ich mir Pferdeaufkleber und Pferdekarten gekauft und dann noch Schokolade und Vanilleeis mit Schokosplittern. Jetzt habe ich keine Schule mehr. Es ist ganz schön langweilig. Am 29. ziehen wir um.

Fortsetzung Teil 4

Kommentare:

  1. Woaah! Gänsehaut! Besonders schön Dein erster Eintrag über den Besuch in West-Berlin. Bananenwerferei, wie fürchterlich. Da trügt das Gefühl einer 12jährigen ja mal gar nicht. Vielen Dank für das Teilen. Ich finde das ganz besonders berühren.

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  2. Zum Mauerfall habe ich kaum Erinnerungen, lebte ich doch im Westen und war grad mal 5. Sehr spannend finde ich es bei dir zu lesen, wie du als angehender Teenie die Zeit erlebt hast. Danke, dass du dein Tagebuch mit uns teilst. Da ist so viel in so kurzer Zeit passiert, auch heute noch faszinierend und beeindruckend.
    Hast du wirklich nie wieder Döner gegessen? ;-)
    Liebe Grüße Stefanie

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    1. Doch, ich habe wieder Döner gegessen :-)

      Aber dieser da war wirklich sehr schlecht.

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  3. Hallo,
    sehr interressant. Am 11.11.89 war ich auch mit einer Freundin das erste mal in West-Berlin.Ich glaube es war Samstag, wir haben nämlich wie viele andere auch,die Schule geschwänzt. Ich war von einem Hamburger sehr enttäuscht, mag ich heute noch nicht. Aufregend war es, aber wie du auch schon geschrieben hast, peinlich wie sich manche verhalten haben. Wie es wohl aussehen würde, wenn es keine Übernahme gegeben hätte. LG Nina

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  4. Es ist so unglaublich, was damals passierte. Ich war zwei Jahre jünger, also 11, als die Mauer fiel. Meine Mutter war gerade im Westen zu ihrem ersten Verwandtschaftsbesuch und sie hat den Mauerfall gar nicht mitbekommen, weil sie kein TV gesehen hat. Verrückt.
    Ich bin sooo dankbar, dass das alles so gekommen ist und ohne Gewalt geschah.
    Von den aktuellen Dokumentationen bin ich so gerührt und erlebe alles nochmals und fühle mich wie 11.
    Vielen Dank für die Einblicke in das Tagebuch!

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  5. Ich bin 1989 im September 13 geworden, in der DDR weitab von Berlin. Da kommt wir sehr viel vertraut vor, was du schreibst. Vielen Dank fürs Teilen und die Reise in die Vergangenheit :)

    Viele Grüße
    Vinni

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  6. Ich finde deine Tagebucheinträge enorm spannend. Ich selbst lebte schon mit Kind in Hamburg und studierte auf dem zweiten Bildungsweg. Und es war so dermaßen verrückt, dass die ganze Stadt auf einmal voller Trabbis war. Und nach wie vor finde ich es unglaublich, wie wenig sich eigentlich für uns "Westler" verändert hat. Auch da, wo es uns ja alle anging. Sehr positiv habe ich die Debatte um die zukünftige Hauptstadt im Kopf.
    Viele Grüße
    Gundi (terschies)

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  7. Ich finde es sehr spannend, Deine Tagebucheinträge zu leßen. Ich habe grenznah im Westen gewohnt - und dementsprechend auch alles hautnah erlebt. Was mich wirklich erschreckt, sind Deien Gedankengänge am 10.11. Weder ich als Kind noch meine Kinder wären in dieser Situation je auf die Idee gekommen, zu überlegen, OB die Eltern überhaupt wieder kämen... Das macht mir wirklich Gedanken (weil man es ja so oft gehört hat, dass es tatsächlich Eltern gab, die ihre Kinder gegenihre Freiheit "eingetauscht" haben)

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  8. Vielen Dank fuer's Teilen dieser Erinnerungen! So schoen zu lesen! Ich finde ja, das Ganze ruft nach Veroeffentlichung in einem Printmedium...ohne zu wissen, ob Du das ueberhaupt wollen wuerdest.

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    1. ...also, das finde ich aber auch. Danke für's Teilen mit uns. Ich finde auch beachtlich, wie gut der Ausdruck ist und die Formulierungen. Manchmal so knapp aber doch so treffend. Besonders schön!
      Grüße von Frau boddenliebe

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  9. Ich hätte auch gleich gefragt, ob du nie wieder Döner gegessen hast... :-) Ich kann mich auch noch so gut erinnern, wie der erste Besuch in Westberlin war. Wir kamen aus Leipzig. Der volle Zug, die Angst, nicht mehr zurück zu kommen (ja, meine Freundinnen und ich sind heimlich hingefahren und wir wollten UNBEDINGT wieder nach Hause). Uns hat das Bunte und helle total erschlagen, die vielen bunten Lichter,das Obst- und Gemüseangebot, die Bäckereien. Ich hatte meine Freundin an der Hand, wir haben uns die ganze Zeit fast gekniffen, um nicht zu schreiben.... Mein erster Kauf von dem "Begrüßungsgeld": 1 Platte von Anne Clark, 1 grüner Schal und ein Paar Puma-Turnschuhe... Hach.... Niemals werde ich das vergessen... Ich freu mich auf die Fortsetzung. Sehr, sehr. LG Jela

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  10. An die Banane die ich von ein paar jüngeren Kindern beim ersten Westberlin Besuch in die Hand gedrückt bekommen habe, erinnere ich mich auch noch gut und wie ungeheuer peinlich mir das war. Am liebsten wäre ich sie schnell wieder losgeworden ....

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