Donnerstag, 14. März 2013

Es ist schwierig.

"Die Wände in unserem Kindergarten sind nass. Wir wissen nicht, wann das behoben wird. Außerdem können wir uns keine Tuschfarben mehr leisten. Papierspenden sind immer sehr willkommen. Und wenn die Eltern bitte reihum für Zahnpasta und Taschentücher sorgen könnten..." sagt die Leiterin des Kindergartens vom Großen vor ca. 11 Jahren. Es ist ihr sichtlich unangenehm. Der karge Turnraum der kleinen städtischen Einrichtung ist voll mit Eltern. Alle sitzen auf Ministühlchen. Hier und da ist ein resigniertes Seufzen zu hören.

Ich seufze auch, schüttle mit dem Kopf und ertappe mich bei dem Gedanken: "zum Glück sind wir in einem Jahr hier raus, dann interessiert mich das nicht mehr." Ich erschrecke mich sehr. Ich schäme mich, dass ich so etwas denke. Und mir geht ein Licht auf. Ich glaube, ich habe verstanden, warum nichts passiert, warum niemand etwas gegen diese und auch andere Zustände unternimmt. Damals wie heute.

Viele Eltern haben einfach aufgegeben, etwas unternehmen zu wollen. Die rare Zeit nach dem Job soll der Familie gelten und nicht noch für Aktivitäten aufgebraucht werden. Engagement braucht Zeit. Zeit, die vielen Familien fehlt. Weil die Eltern berufstätig sind. Weil keine Verwandten vor Ort sind, die auf die Kinder aufpassen könnten. Weil viele alleinerziehend sind. Weil das Geld für einen Babysitter schlicht fehlt. Weil man froh ist, i.r.g.e.n.d.e.i.n.e.n. Betreuungsplatz ergattert zu haben. Da will man sich nicht unbeliebt machen. Weil man nach der Arbeit einfach zu müde für alles ist. Der normale Alltag kostet enorm viel Kraft.

Nach dem Kindergarten, den man irgendwann erfolgreich hinter sich gebracht hat, kommt die Grundschule. Das nächste Dilemma. Am Anfang stehen teure Schulmaterialien ( "... bitte nur die Jaxon- Ölkreiden, bitte nur denundden Tintenroller, bitte nur den Pelikan- Tuschkasten..."). Ganz zu schweigen vom Ranzen. Und den Turnsachen. Dann werden regelmäßig Eltern gesucht, die die Klasse auf Ausflügen, zum Schwimmunterricht oder sogar auf Klassenfahrten begleiten. Die das Weihnachtsbasteln mit den Kindern übernehmen. Die Vorlesenachmittage organisieren. Und, und, und... Schon wieder ist Engagement gefragt. Und wieder fragt man sich, wie man das alles schaffen soll. Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich oft nicht die Mutter bin, die sich mit viel Zeit und Freude engagieren kann, weil ich dabei immer an die Zeit denke, die mir dafür woanders flöten geht. Für meine vier Kinder zum Beispiel. Außerdem bin ich ja sonst auch noch berufstätig.
Ich mache ja schon mit, wo ich kann. Oft melde ich mich einfach schnell, um die Suche nach Freiwilligen abzukürzen, denn es melden sich immer weniger. Aber es kann nicht sein, dass es nicht mehr ohne Elternmitarbeit und ständige Spenden geht.

In letzter Zeit habe ich oft den Satz: "Ich bin froh, dass meine Kinder schon aus dem Kindergarten/ aus der Grundschule/ aus der Schule raus sind!" gehört. Ist doch traurig oder?!

Vielleicht lässt sich so etwas bewirken: Das Projekt Familie 2.0 möchte etwas verändern. Auf der Seite gibt es einen offenen Brief an die Bundesregierung. Es ist nur ein kleiner Schritt. Ich weiß nicht, ob es ausreicht. Aber versuchen können wir es doch mal, oder?!

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Zur Lage der Kinderbetreuung in unserem Lande habe ich vor einem Jahr schon etwas geschrieben. Das ist immernoch aktuell, wie man exemplarisch hier lesen kann.

Ha! Und mein heutiges Bild passt auch super, fällt mir gerade auf: die Lage ist, wie einen Kinderwagen durch Tiefschnee zu schieben. Schwierig.




Kommentare:

  1. Ich mag deine Perspektiven. In Bildern wie in Worten. Danke.

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  2. Hallo! Ich möchte als eigentlich "stille Leserin" heut doch mal ermutigen! Ich habe trotz Beruf, Hausfrau, Ehefrau und Mutter die kleine Lücke gefunden in der Kita als Elternsprecherin mir etwas Zeit zu nehmen für die Kinder. Etwas zu Bewegen tut gut. Wir organiesieren Arbeitseinsätze um den Garten-Außenbereich auf zu polieren, ich geh gern mit zum Ostereier suchen, in den Wald zum entdecken, zum Schwimmkurs usw. Und mir tut es richtig gut etwas zu bei zusteuern, für meine Kinder. Sicher habe ich in unserer Einrichtung echt ein Glückslos, was nicht überall so ist. Doch paar Minuten, ein freier Tag tut uns Eltern nicht zwingend weh und es ist für UNSERE KINDER!
    LG

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    1. Klar, es ist für UNSERE KINDER. Ich mache ja auch mit, wo ich kann.

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  3. das kommt mir so bekannt vor.... Mit dem Großen haben wir eine Kleinstkita gegründet. Als es schwierig wurde sind nur die Eltern übrig geblieben die mit anpacken. Dannach waren wir in einer städtischen Kita und da habe ich auch erst gesagt... sollen doch mal die anderen.
    Das bin ich aber nicht. also packe ich selber mit an. Ich bin im Elternrat und Vorsitzende vom Förderverein. Nun ist der Große in einer Schule die noch im Aufbau ist und rat mal... ich bin wieder mit an vorderster Front dabei ;-)

    Ich mache es gern, weil ich die Zeit die meine Kinder nicht mit mir verbringen so schön wie möglich sein soll.

    lg

    michaela

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  4. Wir erleben das Gleiche im Sportverein: Es werden händeringend Leute gesucht, die Jugendmannschaften trainieren. Es gibt auch viele Leute, die wollen. Die aber nicht können. Weil die Hallenzeiten ein Training zwischen 16 und 18 Uhr vorsehen - anders können ja auch die Kinder nicht. Weil viele dann aber noch arbeiten (müssen, nicht wollen), weil viele kleine Kinder haben, weil es zwischen 16 und 18 Uhr aber keine Betreuung für sie gibt - und mitnehmen geht nicht: Mit einem Zwei-, Dreijährigen im Schlepptau kann man keine B-Jugend trainieren. Viele haben keine Großeltern in der Nähe. Oder die Großeltern/eigenen Eltern sind bereits tot, krebskrank, dement, selbst noch berufstätig. Wie haben das die Leute früher gemacht? Ich weiß noch, vor 25 Jahren, gab es reichlich Mütter und auch Väter, die ab 16 Uhr Zeit hatten und die Kinder trainiert haben. Oder verkläre ich das?

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  5. Ich bin alles andere als froh, dass die Grundschulzeit meiner Tochter im Sommer zu Ende geht. Trotz Job und Haushalt und alleinerziehend bin ich noch dazu, schaffe ich es hin und wieder in der Schule an Basteltagen, Garteneinsätzen usw. dabei zu sein. Ich mache das gerne! Und meine Tochter ist es mir wert.

    LG Andrea

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  6. Wir versuchen uns überall einzubringen, was zu bewegen , aber Eltern mit solchen Einstellungen bremsen einen regelmäßig aus. Schade.... Dabei könnte man, wenn jeder nur ein bisschen bereit währ soviel machen ...

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  7. Ich bitte darum, niemanden einen Vorwurf zu machen.
    Die Gründe für mehr oder weniger Engagement sind so zahlreich, wie es Familien gibt.
    Ich gehe davon aus, dass alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen.

    Danke!

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  8. Bei uns am Gymnasium wird es aber erst einmal nicht viel besser. Da wird von den Eltern auch erwartet, zum Kennenlernen um 14 Uhr am Grillplatz anwesend zu sein oder beim Weihnachtsbasteln mitzumachen. Natürlich wird das auch von den Lehrern erwartet... Ich bin gespannt, wie ich das in der "Doppelrolle" meistern werde. Aber noch habe ich ja etwas Zeit mich zu zerteilen oder so... ;)
    (Im Moment entgehe ich dieser Präsenz"pflicht" gern mit Kuchenspenden. Aber das geht auch nur begrenzt, glaube ich.)

    Morgen dann habe ich das Kindergartengespräch im Amt. Bin auf die Perspektiven gespannt. Leichter wird es nicht ohne Tagesmutter, glaube ich.

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  9. Liebe Frau Brise,

    das ist ein erstklassiger Text.

    Warum überhaupt sollen Eltern soviel Ehrenarbeit leisten? Ich bin selber Mutter von zwei Kinder und berufstätig. Reicht es nicht, dass ich in Steuerklasse V eher aus Idealismus als aus finanziellen Gründen arbeiten gehe? Reicht es nicht, dass ich zwei Kinder großziehe, die unsere Gesellschaft von morgen tragen? Reicht es nicht, dass ich unsere Kinder nach Möglichkeit studieren lasse, damit Sie später genügend Geld verdienen, um auf eigenen Beinen stehen zu können?

    Eltern leisten heutzutage soviel...da bin ich keinesfalls bereit noch mehr in die Bresche zu springen und der Bundesregierung ein bequemes Zurücklehnen zu ermöglichen. Die Arbeit, die an Schulen, Kindergärten, usw. ehrenamtlich geleistet wird, könnte auch von bezahlten Kräften geleistet. Aber nein, das Geld wird lieber gespart und die Eltern noch mehr zur Kasse gebeten.

    Zur Betreuungssituation in Deutschland: in diesem, unserem Lande stehst Du als berufstätige Mutter auf der aller-aller-alleruntersten Stufe in der Wertschätzung. Traurig, aber wahr. Und deswegen interessiert sich auch niemand dafür.

    Und danke für die wundervollen Bilder aus Kühlungsborn! Da möchte ich auch gerne mal hin.

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  10. Ich finde das ziemlich unverständlich.
    Wer gibt, dem wird gegeben. Die Energie kommt immer zurück. Man kann nicht nur nehmen wollen.

    Wir wohnen auf dem Land und haben einen städtischen KiGa. Auch hier fehlt es an allen Ecken und Enden. Engagierte Eltern haben einen Förderverein gegründet. Der Kindergarten veranstaltet Markttage aus eigenen Kräften und nimmt dabei Geld ein. Nur durch Selbstgebasteltes und Gekochtes. Es gibt Waffelback-Aktionen.

    Für mich ist es absolut unverständlich, dass ein Kindergarten um Zahnpasta betteln muss. Da läuft in der Organisation - auch der Eltern - etwas falsch.

    Kathrin

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    1. Eltern geben mehrere Hundert Euro jeden Monat.
      Da läuft doch aber an ganz anderer Stelle was schief, wenn das nicht reicht, oder?!

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  11. Dein Beitrag hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich melde mich von der "anderen Seite". Derzeit bin ich Referendarin an einer Grundschule und es ist für mich der schönste Beruf der Welt.
    Ich investiere neben einer Menge Herzblut auch eine Menge privates Geld. Das fängt bei Unterrichtshilfen und Bastelmaterialien an und hört bei Schulheften für die Schüler, deren Eltern nicht willens sind, innerhalb angemessener Zeit, Ersatz für gefüllte Hefte zu besorgen.
    Ich bemühe mich den Kindern ein ganzheitliches Lernen zu ermöglichen und versuche daher auch außerschulische Lernorte aufzusuchen (Bibliothek, Buchhandlung, Friedhof, Ostergarten etc.).
    In diesem Rahmen bin ich immer wieder darauf angewiesen Eltern als Begleitpersonen einzuspannen.
    Tatsächlich stelle ich fest, dass es immer die gleichen Mütter sind, die planen, organisieren und verschieben um den Kindern diese Ausflüge zu ermöglichen. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen und bin sehr dankbar. Meistens bekommen die Mütter von mir einen schokoladigen Dank (da wären wir wieder bei dem privaten Geld ;-). Aber mein Gewissen wäre beruhigter wenn es nicht immer die selben guten Seelen wären.

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    1. Danke für Deinen Beitrag.
      Ich kenne auch die andere Seite. Ich bin Erzieherin und arbeite in einer Grundschule.
      Ich weiß, was das Personal in Kitas und Schulen leistet und dass es ohne Elternmitarbeit oft nicht geht.

      Die Frage ist doch, warum es nicht genügend Personal in unseren Bildungseinrichtungen gibt.
      Ein endloses Thema...

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  12. Dein Blogeintrag vom letzten Jahr trifft es ganz genau auf den Punkt.
    Ich fühle mich so hilflos und will doch einfach nur, dass mein Kind gut betreut wird.
    Und dass man nicht immer schafft noch zusätzlich Zeit zu investieren, verstehe ich völlig. Ich kann grad mein Ehrenamt nahezu nicht ausüben, obwohl ich nur ein Kind habe und in Elternzeit bin.

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  13. Sicher ist das Thema ein sehr heikles und ein sehr "weites Feld"...

    Schade finde ich, dass so häufig gemeckert und bemängelt wird am Vorhandenen. Für mich liegen die großen Fehlentscheidungen in der Politik, die so träge oder mit verheerenden Folgen in die Zukunft unserer Gesellschaft investiert.

    Wir haben für unsere Kinder einen Kindergarten in Elternträgerschaft ausgewählt, in dem Elternmitarbeit nicht nur notwendig sondern vor allem sehr erwünscht ist! Und das im Sinne der Kinder, weil die Eltern auch sehen und miterleben sollen, was ihre Kinder so den Tag über machen und was auch die Erzieher für die Kinder tun.
    Das schafft Nähe und es wurde bisher immer sehr positiv angenommen und somit wissen auch die Eltern, was Erzieher leisten.
    Die Kosten richten sich nach dem Kita-Gesetz des Bundeslandes und sind mit staatlichen Einrichtungen gleichgestellt und richten sich nach dem Elterneinkommen und Anzahl der Kinder.
    Obwohl unsere Kinder schon im Schulalter sind, arbeite ich noch im Vereinsvorstand, gerade weil ich weiß, wie eng das Zeitkonto berufstätiger Eltern mit Kleinkindern ist!
    Hier am Rand von Berlin kann man ja seine Kinder (für ein vergleichsweise kleines Geld) von 6 bis 20 Uhr in Kitas unterbringen; für Alleinerziehende leider ein oft notwendiges Übel (wenn man z.B. an die Arbeitszeit einer Friseurin denkt...), für mich war und ist das eine schreckliche Vorstellung, Kinder so sehr anderen Menschen zu überlassen. Viele Jahre habe ich mich ausschließlich um unsere Kinder gekümmert und nur ehrenamtlich gearbeitet, auf Vieles (Finanzielle) verzichtet. Aber keinen wichtigen Momemt verpasst und sehr viel Nähe zu meinen Kindern aufgebaut und auch zu deren Freunden ein gutes Verhältnis.
    Auch in der (ganz normalen)Grundschule habe ich es als sehr positiv erlebt, die Klassen meiner Kinder zu begleiten, an Wandertagen, Bastelstunden, in`s Theater oder auf Klassenfahrten. Dann arbeite ich weniger oder an anderen Tagen mehr.
    Auch sind es bei uns nicht immer die gleichen Eltern sondern wirklich fast alle, die es möglich machen bei irgendeiner Veranstaltung dabei zu sein,(obwohl hier fast alle Eltern Vollzeit arbeiten). Es haben alle als sehr positiv empfunden, auch wenn sie dafür Urlaub opfern mußten.
    Hier ist Zusammenarbeit zum Wohle der Kinder erwünscht und wenn die Personallage dadurch etwas entspannt wird ist das nur positiv, denn unsere Kinder gehen hier und jetzt zur Kita/ Schule/ Hort und wenn Politikmühlen so langsam mahlen, muss das nicht unnötig auf Kosten der Kinder gehen...
    Außerdem gibt es sehr gute Elterngremien, in denen wir etwas bewirken und Vorbild für die nächste Generation sein können, dass eine gut funktionierende Gemeinschaft aus Geben und Nehmen besteht.

    Liebe Frau Frische Brise,
    ich glaube du mußt kein schlechtes Gewissen haben, dass du zu wenig machst! Ganz bestimmt nicht...

    Ganz liebe Grüße
    Peggy




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