Donnerstag, 20. Januar 2022

Den Winter überstehen

Beim Lesen des Buches "Überwintern" (Amazon-Partnerlink) muss ich ständig an die Worte meiner Hebamme in Berlin denken. Ich war in den letzten Zügen der Schwangerschaft mit meinem dritten Kind. Alles war wieder beschwerlich geworden. Ich hatte starke Rückenschmerzen, viele Vorwehen, einen Haushalt mit zwei Kindern, davon eins noch keine zwei Jahre alt und einen Mann, der von Berlin nach Hamburg zur Arbeit pendelte. 

"Mach Winter." sagte meine Hebamme zu mir tröstend und beruhigend. Sie kannte sich in der Traditionellen Chinesischen Medizin aus. Darin werden die Phasen einer Schwangerschaft den Jahreszeiten und den Elementen zugeordnet. Nach einer Phase des Erblühens und Wachsens, kommt zum Ende der Schwangerschaft die Phase des Abschieds und der Ruhe. 

Am Ende steht der Winter. Es ist eine Zeit des Rückzugs und der inneren Einkehr. Man soll viel schlafen, Wärme suchen, sich pflegen, warme, nährende Speisen zu sich nehmen und Kraft sammeln.

"Mach Winter." Daran denke ich in der letzten Zeit sehr oft. Und ich mache Winter. Ich überwintere. Ich versuche, den Winter zu überstehen. Und damit ist nicht nur die aktuelle Jahreszeit gemeint. Es betrifft auch die angespannte Situation der letzten zwei Jahre. 

Ich achte verstärkt auf meine Bedürfnisse. Das ist viel leichter gesagt als getan. Ich wurde so erzogen, nicht aufzufallen, keinem zur Last zu fallen und meine Gefühle zu unterdrücken. Die Sätze "Hab dich nicht so." "Das tut doch gar nicht weh." "Du bist immer so emotional." "Uns hat das auch nicht geschadet." habe ich sehr oft gehört und verinnerlicht. 

Bei jedem Becher Kaffee auf die Hand, bei jedem Ausflug nur für mich, bei jeder Fahrradtour, bei jedem neuen Buch, das ich mir gönne, bei jedem Schaumbad, das länger dauert, habe ich ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, ich habe das nicht verdient. 

Deshalb ist es für mich eine ganz neue Erfahrung, meine Gefühle wirklich, wirklich ernst zu nehmen und sofort zu reagieren, wenn ich merke, dass es mir nicht gut geht. Mit 45 Jahren ist es immerhin noch nicht zu spät. Ich bin da übrigens nicht selber drauf gekommen, sondern der Liebste hat mir dabei geholfen. Als ich vor einigen Wochen gemerkt habe, dass dieses dunkle und leere Gefühl heranrollt, hat er kurzerhand seine Arbeit früher beendet und ist mit mir eine ganz große Runde spazierengegangen. Er hat meine Tränen ausgehalten. Er hat zugehört und mich ganz fest gehalten. 

Das hat überraschenderweise so gut geholfen, dass ich beim nächsten Mal schon selber bemerkte, dass ich aktiv was tun muss. So konnte ich die dunklen Gedanken viel schneller wieder loswerden. Ich mache Pause, wie die Natur es auch im Winter tut. Ich ziehe mich zurück, nehme mich wahr und sammle Kräfte für den Neubeginn. 

Und so ziehe ich jetzt manchmal meinen kuscheligsten Schlafanzug schon am Nachmittag an. Zusammen mit dicken Socken und einem dicken Morgenmantel drüber ist das eine schöne warme Hülle. Zu Weihnachten bekam ich eine kabellose Heizdecke von Stoov geschenkt. Die lege ich mir in den Sessel oder ins Bett. Das tut so gut! Ich habe mir endlich mal richtig bequeme Unterwäsche fast ohne Nähte gekauft. 

Ich gehe richtig früh ins Bett. Manchmal sogar noch vor den großen Kindern. Dann bin ich zwar sehr früh wach, nutze die Zeit aber ganz bewusst nur für mich. Ich gönne mir guten Kaffee und die beste Schokolade, die ich kriegen kann. Je nach Laune lasse ich den Haushalt liegen oder lege mit extra Kraft so richtig los. Ordnung macht mich froh. 

Ich drehe das Lieblingslied im Radio lauter. Ich tanze in der Wohnung. Ich singe und pfeife. Ich backe und koche nur noch Lieblingsgerichte. Ich esse mehr Obst und Gemüse. Ich schaue mir Fotos vom Sommer an. 

Ich renne bei jedem Ruf der Kraniche ans Fenster. Ich beobachte den Sonnenaufgang. Ich schaue den Wolken beim Ziehen zu. Ich staune über Schneeflocken oder den heulenden Sturmwind. Ich bleibe unterwegs stehen um mich ganz bewusst umzusehen. Ich sauge Schönheit auf, wo sie mir begegnet. Ich atme tief ein und aus. Ich übe mich in Dankbarkeit. Ich bete. 

Ich bin nachsichtiger gegenüber den Kindern. Ich sage öfter "Ja." statt "Nein.". Ich lächle fremde Menschen an. Ich helfe, mache Platz und sage ein paar freundliche oder lustige Worte. Bis jetzt ist das immer sehr fröhlich gewesen. 

Ich hole mir frische Farben in die Wohnung. An die Wand oder in Form von bunten Kissenhüllen. Ich suche im Schrank nach den buntesten Vasen. Ich kaufe ein Töpfchen mit Frühjahrsblühern. 

So will ich den Winter überstehen. Es ist, wie gesagt, nicht leicht. Also... es ist vielmehr richtig harte Arbeit. Doch ich weiß, dass hinter jeder grauen Wolke der Sonnenschein versteckt ist. Nach jedem Winter kommt der Frühling. Mit Sonnenschein und Wärme. An diesen Gedanken halte ich mich fest. Der Winter kann ja nicht ewig dauern... 



Ich danke für das Mitlesen und die Anteilnahme. Hier gibt es die Möglichkeit, etwas in die virtuelle Kaffeekasse zu tun. Herzlichen Dank für die Anerkennung!

43 Kommentare:

  1. Oh ja, die Zeit für sich als Mama muss man sich echt aus dem Alltag rausschneiden. Ich gehe gerade jeden Tag spazieren, bei Wind und Wetter. Unsere Jüngste nehme ich im Kinderwagen mit. Die drei großen Kinder sind dann entweder alleine daheim oder an manchen Tagen ist auch mein Mann da und hat ein Auge auf sie. Erst heute hat sich ein Anflug von schlechtem Gewissen eingeschlichen, dass ich jetzt 1 Stunde lang durch die Gegend dapppe und daheim meine Kinder sitzen... Aber es tut mir so gut. Und danach gehts bin ich ganz anders drauf, wie wenn ich den ganzen Mittag daheim gewesen wäre... Ich hoffe, das sieht der Rest der Familie auch so... ;-)
    Liebe Grüße! Marion

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    1. Genau das kenne ich auch von meinem Spaziergängen! Ja, ich glaube, alle profitieren von einer ausgeglichenen Person :-)

      Alles Gute Dir und Deiner Familie!

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  2. Wow, wie schön geschrieben, Carola! Und wie wahr, auch für mich. Daran will ich mich festhalten.

    Liebe Grüße, Irene

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  3. Nein, kein Winter währt ewig und um es nochmal mit Tomte Tummetotts Worten zu sagen: „nach jedem Winter kommt ein Frühling, Geduld nur, Geduld….“
    Ihre Worte sind Frühling, sie sind Frühling für mich und viele andere Ihrer Leser.
    Danke dafür.
    Ich würde Ihnen auch gerne noch kluge Worte zum Überwintern schicken, aber so schöne wie Sie finde ich nicht. Daher nur ein Wort, das alles sagt: SEI!
    Danke von Herzen und Gottes Segen für Sie und Ihre Lieben!
    Alles Liebe Helene!

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  4. Oh ja. Das kenne ich. Vor allem arbeite ich auch immer sehr viel und stelle dafür viel zurück - in den wenigen Pausen im Alltag kommt dann schon das schlechte Gewissen um die Ecke...
    Dir wünsche ich ein gutes Überwintern, nährend für Seele und Körper.
    LG
    Maren

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  5. Dein Beitrag rührt mich zu Tränen, Carola, so sehr sprichst du mir aus der Seele. Danke für diesen Text.

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  6. Danke für diese so passenden Worte. Du sprichst mir aus der Seele. Dankeschön

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  7. Einfach wunderbar und so wertvoll.. Danke ❤️

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  8. Liebe Carola, dein Text tut mir sehr gut und auch wenn ich einige kleine Dinge, die Du beschreibst, auch beachte, sind es tolle Anregungen und viel Zuversicht - danke dir. Besonders gefreut hat mich der Anblick der kleinen Väschen - sind die in 3Punktf? Ein paar kleine Schätze davon erfreuen mich bei uns auch. Herzliche Grüße von der Nord- an die Ostsee, katrin

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    1. Vielen Dank, Katrin!

      Ja, die Vasen sind von 3punktf. Ich mag sie sehr.

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  9. Liebe Carola,

    dein Text ist toll! Er macht mir gerade sehr viel Mut. Ich versuche das auch. Hatte diesen Winter einige Tiefpunkte. Vielen lieben Dank für die Inspiration. Übrigens, ich wurde ganz genau so erzogen - vielleicht ein Generationending - bei meinen Mädchen versuche ich das anders zu machen.

    Liebe Grüße vom kleinen Hof am Meer,
    Ruth

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    1. Vielen Dank, liebe Ruth! Ich wünsche Dir ein gutes Überwintern!

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  10. Ich danke Dir für diesen ehrlichen, wunderbaren Eintrag!
    Weiter so - und alles Liebe!

    LG Elena

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  11. Ja, Carola, es ist noch Winter, und deine täglichen Vorsätze ....einfach genial...Winter eben...es geht mir ähnlich, täglich schenke ich mir Wortrosen...ich öffne meine Herzkammern noch mehr, gegen alle Bedenken in dieser Zeit, ich verhindere Kränkungen..und andere Menschen mehr umarmen..und ihnen eine Lächeln schenken.
    Erst gestern las ich von dem wunderbaren Khali Gibran:
    Wie die Samen, die unter der Schneedecke träumen,
    träumen eure Hrezen vom Frühling.
    Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor zu Unendlichkeit....
    Ein schönes winterliches Wochenende mit Grüßen von
    *rena*

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  12. Ja, stimmt. Alles.
    Und ich bin froh, wenigstens schon in Pension zu sein und nur geringfügig dazu zu arbeiten. Jetzt mit kleinen Kindern - seit 4 Semestern, puuuh...
    Und wir dürfen uns etwas gönnen.Angesichts steigender Energiepreise, die sich viele auch hier bei uns nicht mehr leisten können, steigender Zahlen an Ausgegrenzten - aus welchen Gründen auch immer -, frierender Kinder auf Lesbos und mit Blick auf einen Vulkanausbruch, der so vielen Menschen alles genommen hat, finde ich, wir alle jammern auf hohem Niveau. Zurück zur Solidarität, nicht nur lächeln und nette Worte (die sind nur ein Anfang), wenigstens jeden 2. Kakso jemandem,der es braucht, wenigstens die Hälfte der Mittagessen aus Klimagründen aus Zutaten, die nicht per se Libelingsgerichte sein können, weil Kraut und Kartoffeln und so... und weg vom Individualismus, der auch und gerade jetzt wieder überall seinen Egozentrismus zeigt....
    solidarisches Wochenende!
    Anna
    die natürlich weiß, dass das jetzt nicht nur nett "rüberkommt".
    Muss aber auch sein, findet sie.

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    1. Alles gut! Ich bin ganz Deiner Meinung, Anna!

      Und Kraut und Kartoffeln können auf alle Fälle Lieblingsessen sein :-)

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  13. So Bunt machst du dir den Tag,
    schön nimmst auch du dir, liebe Carola, Zeit für Dich!

    Rundum sterben Leute, liebe Menschen die mir nahe waren und jetzt!
    Ich selber habe zu mir gesagt...
    Ich möchte Leben, mich freuen, danke Gott für das was ich habe, schaue gut zu mir, denn alles läuft so schnell, in einem Jahr kann alles wieder anders sein, darum jetzt und heute, lebe ich!
    Komm gut ins Wochenende sei herzlichst gegrüsst von Beatrix

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    1. Oh, Beatrix! Das tut mir leid!

      Ich wünsche Dir alles, alles Gute!

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  14. Oh liebe Carola,
    das liest sich so schön und inspiriert mich meine Winterruhe ohne schlechtes Gewissen zu genießen und einige Dinge auch so zu handhaben. Danke.

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    1. Ja, ich denke, Winterruhe braucht nicht nur die Natur.

      Alles Gute Dir!

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  15. So schöne Worte! Vielen Dank, dass du uns hilfst beim Überwintern. Gemeinsam geht das ja noch besser- lieben Dank fürs ehrliche Teilen deiner Gedanken, das hilft so viel!
    Alles Liebe aus dem Süden
    Christine

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  16. Ein guter Text. Vielen Dank. Er regt an, sich Gedanken zu machen über sich und die eigenen Bedürfnisse. "Winter machen" - den Ausdruck nehme ich mir mit.
    Grüße aus Leipzig.

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  17. das hast du wirklich gut geschrieben
    jaa.. wir dürfen und müssen auch für unser "Seelenheil" sorgen
    und dazu gehört auch sich etwas zu gönnen
    und wenn es der mollige Schlafanzug am Nachmittag ist
    mir erging es wie dir .. immer für die Familie
    selbst abends am Fernseher noch die Löcher in den Strumpfhosen geflickt
    es ging so weit dsas ich irgendwann nichts mehr fühlte
    nur noch existierte
    pass auf dich auf
    das bekommt auch deiner Familie

    liebe Grüße
    Rosi

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  18. Schön geschrieben, danke für den persönlichen Blick. Da ist es hilfreich, erst einmal zu wissen, was einem gut tut. Und dass man selbst dafür verantwortlich ist.
    Zum schlechten Gewissen: je besser man sich gut tut, je besser geht es es auch der Familie. Sich zu verausgaben ist für sich und auch für die, die einem nahe sind, nicht hilfreich.

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  19. Oh Mann, das ist mir so aus der Seele gesprochen. Danke für diese Worte, genauso werde ich es auch machen und Frühling...coming soon
    Liebe Grüße
    Kerstin (jahrelange Mitleserin)

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  20. Liebe Carola- was für ein wunderschöner, ehrlicher und mutiger Text! In dem man sich so gut wiedererkennen kann! Danke dafür! Ich finde ja, es geht einem auch gleich ein bisschen besser, wenn man merkt, dass man mit all diesen Dingen gar nicht so allein ist...Mir geht es manchmal ähnlich, und ich glaube, mitunter hilft wirklich nur ein "Einwintern" und sich selbst ein bisschen verwöhnen. Aber genau wie du es beschreibst, hilft mir auch immer wieder das Draußensein in der Natur und die damit verbundene Bewegung und Aktivität. Ich wünsche dir deshalb weiterhin, dass du immer wieder deine Energiequellen findest und auf gar keinen Fall schlechtes Gewissen bekommst!!! Ich bewundere dich sehr für deine Kraft im Alltag!
    Liebe Grüße aus dem Süden (hier ist es landschaftlich auch wunderschön- aber die Sehnsucht nach der Ostsee bleibt trotzdem...deshalb grüße mir das Meer und besonders die wunderbare kleine Insel, wenn du das nächste Mal dort bist!!!:-)
    Steffi

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  21. Mach Winter-das gefällt mir :-) warte gerade auf die Ankunft unseres 2. Kindes und hab mich schon viel zu oft über meine Schwerfälligkeit, Langsamkeit, Müdigkeit... geärgert ("Früher haben die Frauen die Kinder auf dem Feld bekommen und dann weiter gearbeitet"-warum bekommt man das noch immer gesagt??).
    Solche Texte wie deiner helfen beim
    Annehmen der Situation - danke dir. Auch ohne Schwangerschaft hätte ich diese Einstellung schon oft brauchen können;-)
    Wünsch dir weiter ein schönes Überwintern!

    Liebe Grüße Marina

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  22. für mich ist der Text auch sehr ansprechend,
    emotional so gefühlvoll geschrieben.
    Ich empfinde es gerade so mit, inne halten und ruhen in sich. Liebe Grüße Roswitha

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  23. Danke für diese Worte liebe Carola.

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  24. So ein schöner Text und trotzdem hatte ich beim Lesen gerade einen dicken Kloß im Hals, weil mir das sehr bekannt vorkommt. Woher kommt das nur, dass wir Frauen/ Mamas immer glauben, wir nehmen jemandem was weg, wenn wir auch mal an uns denken? Dabei ist es doch so wichtig, über allem anderen sich selbst nicht zu vergessen. Ich finde diesen Winter auch besonders anstrengend und versuche auch ganz bewusst, mich an den kleinen Dingen zu erfreuen. Den Frühling kann ich trotzdem kaum erwarten. Und das Buch zum Überwintern ist ein guter Tipp, das werde ich mir auf jeden Fall mal näher anschauen.
    Alles Gute und viele liebe Grüße,
    Simone

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