Mittwoch, 9. Mai 2018

An der Gedenkstätte Berliner Mauer

Wenn ich als Kind in Ost-Berlin mit der S-Bahn von Berlin-Pankow zur Schönhauser Allee fuhr, reckte ich mich immer ganz hoch, um einen Blick auf die Häuser hinter der Mauer zu erhaschen. Hier an der Bornholmer Straße kam man der Mauer ganz nah. Die S-Bahn fuhr ein Stück den Mauerstreifen entlang, im Niemandsland genau zwischen zwei Mauern.

Dort, ganz nah und doch für mich unerreichbar weit weg, befand sich West-Berlin. Ich sah eine Kirchturmspitze und ein paar Häuserdächer. Etwas unheimlich fand ich das, waren die Geschichten von "drüben" doch sehr ambivalent. Das Land da drüben sollte fürchterlich hart und unser Feind sein, andererseits wohnten dort Verwandte, die immer sehr schöne Briefe und Pakete schickten. Und über allem breitete sich doch ein und derselbe Himmel aus, ich konnte es genau sehen.

Ich hatte noch die Anekdote über meine Großeltern im Ohr, die im August 1961, als Berlin über Nacht geteilt wurde, sagten: "Nein, das glauben wir nicht. Das geht doch gar nicht!". So unglaublich erschien es nicht nur ihnen, eine Stadt einfach so in zwei Teile zu trennen. Für mich war das als Kind dann zur Normalität geworden. Der Mauerstreifen zog sich als breite Schneise quer durch die Stadt.

Nach der Öffnung der Mauer ging alles ganz fix. Die Mauer wurde erst zerklopft und dann abgerissen. Schnell sollte dieses Kapitel der Stadtgeschichte vergessen werden. Jüngere Bürgerinnen und Bürger wussten irgendwann gar nicht mehr, wo überhaupt die Mauer stand. Die eigene Herkunft wurde bisweilen sogar verschwiegen. Es interessierte auch niemanden mehr, bis auf den Besuch aus Amerika.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße bin ich bis jetzt immer nur mit der Straßenbahn vorbeigefahren. Ich war schon stolz, dass diesen Gedenkort gibt und dass er anscheinend auch gut besucht wird. In der Bernauer Straße wurde die Stadt entlang einer Häuserzeile geteilt. Die Gegend entwickelte sich zu einem Brennpunkt der Geschichte.

Am letzten Samstag bin ich früh am Morgen extra noch vor meiner Veranstaltung einen kleinen Umweg gefahren und an der Gedenkstätte ausgestiegen. Ein paar Meter weiter wird auch ein Mauerstreifen dargestellt, wie er damals existierte. Mit Mauersegmenten und Grenzanlagen. Ich habe mir aber nur ein kleines Stück der öffentlich zugänglichen Stelle angesehen, nämlich den Teil, wo unzählige Metallstäbe den originalen Verlauf der Mauer markieren.

Die hohen Metallstäbe stehen so, dass sie je nach Betrachtungsweise durchscheinend oder ganz blickdicht sind. Die sind mir zuallererst aufgefallen. Als ich an ihnen entlanggelaufen bin, fielen mir viele Wegmarken auf. Sie weisen auf bestimmte dokumentierte Ereignisse an der Mauer hin, wie Fluchtversuche von bestimmten Familien, zeigen Hausnummern etc.. Große Steinplatten zeichnen die Wege vieler Fluchttunnel nach.

An dem Ort, wo die Versöhnungskirche stand, die 1985 gesprengt wurde, steht jetzt die Kapelle der Versöhnung. Die geretteten Glocken hängen in einem Holzgerüst daneben. Der Grundriss der alten Kirche wird im Gras markiert, genau so wie die Grundrisse der Häuser drumherum. Sie standen genau auf dem Grenzstreifen. Zuerst wurden die Fenster zugemauert, später wurden die Häuser ganz abgerissen. An einer Stelle hat man ein Fundament mit Kellerräumen entdeckt und freigelegt. Die Grenze verlief mitten durch das Haus hindurch. Da wird auf einmal ganz deutlich und erfahrbar, wie ungeheuerlich diese Teilung war.

Mich hat dieser kurze Besuch sehr berührt. Die Art und Weise, wie an diesem Ort an den Abschnitt Berliner Geschichte erinnert wird, empfinde ich als angemessen und respektvoll. Eine Besichtigung ist sehr empfehlenswert.
















Kommentare:

  1. Vielen Dank für's mitnehmen. Im beschaulichen Werdenfelser Land haben wir als Kinder/Jugendliche nicht viel von diesen Dingen mitbekommen, in der Schule wurde das Thema nicht wirklich behandelt. Irgendwann schaffe ich es mal nach Berlin, dann werde ich diesen besonderen Ort bestimmt aufsuchen. Herzlichen Gruß, Christine

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  2. Zu dem Thema finde ich sehr interessant das Buch von Jörg Hildebrandt: Regine Hildebrandt. Erinnern tut gut. Es ist quasi ein Fotoalbum ihres Lebens mit Tagebucheinträgen und Anekdoten , die er hinzugefügt hat. Sie hat in der Bernauer Straße gewohnt und war in der Versöhnungskirchen-Gemeinde sehr aktiv. Eines meiner Lieblingsbücher! Liebe Grüße, Jessie

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    1. Oh, danke! Das finde ich interessant und merke es mir mal vor!

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    2. ... und wenn in Kürze Post kommt, dann einfach freuen.
      Ein kleines Dankeschön für die vielen wunderbaren Lesemomente hier,
      Slo

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    3. Oooohhhh! Da freue ich mich! Dankeschön!

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  3. Ich finde es sehr gut, dass du daran erinnert hast. Vergessen können wir es nie, denn wir haben ja hinter der Mauer gelebt.Meine Generation ja die gesamte geteilte Zeit. Ich finde es ausgesprochen schlecht, dass Kinder und Jugendliche heute nur noch ganz selten und wenig darüber erfahren. Ja, und Regine Hildebrandt war eine ganz besondere Persönlichkeit. Das Buch ist wertvoll, auch damit man nicht vergißt. Liebe Grüße, Sunni

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    1. Danke! Ich habe auch gestaunt, dass die Teilung Deutschlands nahezu nicht im Unterricht am Gymnasium stattfindet.

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