Samstag, 3. Oktober 2009

Ossi - Wessi

Ich bin in Ostberlin groß geworden. Als die Mauer fiel, war ich 13 Jahre alt.
Hört man heute Geschichten über das Leben in der DDR, kann man fast nicht glauben, daß dort ein normales Leben möglich war. Aber dort schien dieselbe Sonne wie im Westen, es wehte derselbe Wind, es gab Sommer und Winter, Morgen und Abend, Wälder, Berge und Seen, Brot und Butter, Eis und Schwäne, Mutter, Vater, Kind...
Nicht alle Ossis hatten nur einen Trabi, nicht alle Ossis haben Campingurlaub gemacht, nicht alle Ossis waren nicht in der Kirche, nicht alle Ossis haben gerne Schlange gestanden, nicht alle Ossis...
Den Ostler gibt es nicht, genausowenig wie den Westler.
Es gab und gibt überall Menschen, die man mag oder auch nicht, die schlau sind, oder dumm, die viel reden oder wenig, die in der Kirche sind oder nicht, die Camping mögen oder auch nicht...
Ich habe mir oft anhören müssen, daß man ja gar nicht merkt, daß ich aus dem Osten komme. Na woran soll man das auch merken?! Und manchmal sagten Männer zu mir, daß Ostfrauen ja so toll sind. Aha.
Ich bin ganz froh, daß ich diese - meine - Erfahrungen machen durfte.
Und natürlich bin ich auch froh, daß die Mauer fiel, bevor ich in der Schule hätte sagen müssen, daß ich anstatt der Jugendweihe die Konformation in der Kirche wähle, bevor ich einen bestimmten Beruf hätte wählen müssen, der mir dann eventuell verwehrt wird, bevor ich meine Kinder mit drei Monaten in die Kinderkrippe hätte bringen müssen, weil es halt so ist und bevor ich wirklich mitbekommen und verstanden habe, was da faul war in diesem meinen Heimatland.

Kommentare:

  1. Hmpf... als ich Deinen Kommentar bei Frau Ami las, trieb es mir die Schamesröte ins Gesicht: Als mein Liebster mir vor einigen Jahren erzählte, sein Kollege XY sei aus dem Osten, war mein Kommentar ebenso dämlich, wie der den zu hören bekommen hast: "Das merkt man ja gar nicht." *argh* Erst wenn man so etwas ausgesprochen hat, beginnt man darüber nachzudenken... In diesem Sinne also, liebe Frau Frische Brise: Nix für ungut. Man lernt täglich dazu. Liebe, feiertägliche Einheitsgrüße von Frau Maus

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  2. Ehm ja, diesen Kommentar kenne ich. Hab am Anfang drunter gelitten. Und heute morgen ist er mir mit als erstes eingefallen ...
    Ich war 20 beim Mauerfall (Eckdaten des Elternhauses: FKK, Camping, Kirche, aber ohne Trabi, das nur so am Rande).
    Dein letzter Absatz bewegt mich. Kinder musste ich in der DDR auch noch nicht in die Krippe bringen, aber Konfirmation und Berufswahl - ja, das habe ich genau so erfahren.
    Und dennoch meine ich, im Nachhinein jedenfalls, dass es für etwas gut war. Dass ich über Wahrheit und Vorurteile heute anders denke und anders damit umgehe, weil ich damals so darunter gelitten habe, auf der "Minderheitenseite" zu stehen und das in der Schule deutlich zu spüren zu bekommen. Dass ich meinen Kindern heute hoffentlich die Augen dafür öffnen kann, welche vielfältigen Wege ihnen offen stehen und dass das ein großer Wert ist - eben weil es bei mir (im äußeren Leben) nicht so war.
    Ich will mitnichten sagen, dass man ohne solche Lebenserfahrungen nicht zu genau diesen Einsichten kommen könnte, und ich will auch nichts glorifizieren - nein, so wollte ich mich hier nicht verstanden wissen.
    Ich sehe das nur für mich so: dass alles im Leben (in meinem Leben) für etwas gut war. Dass ich es verwandeln konnte, dass es nicht länger belastet, sondern mich geformt hat. Dass ich froh sein kann um diese Erfahrungen, auch um die, die damals schwer zu ertragen waren. So etwa.

    Liebe Grüße
    Uta

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  3. Ich war auch ungefähr so alt, als die Mauer fiel wie Du. Ich lebe ja mittlerweile im "Westen" und höre das auch öfter "ach, man merkt ja gar nicht, dass Du aus dem osten kommst". Weil ich nicht sächsisch spreche. Tun ja, wie wir wissen alle Ossis. Genauso wie alle Wessi bayrisch sprechen. Mich stört das nicht, ich mache mir meine Spässe daraus und viele meinen es auch nur witzig. Wenn man Humor hat, ist das doch alles kein Ding.

    Schlimm fand ich es allerdings, dass ich 2001 (!!!!) in Frankfurt/Main mal von einem Vermieter abgelehnt wurde, weil ich aus dem Osten kam. "Wir hatten schon mal jemanden von drüben, nee, das passt nicht!". Da hört der Spass dann auf. Oder als ich bei einem Seminar "Etikette im Businessleben" war und die "DAME" meinte, dass sich die Ossis ja an Buffets nicht benehmen können und meinte, dass wir ja alle noch wie die Affen von Baum zu Baum hangeln. Keine Übertreibung, genau so hat sie es gesagt (im Wissen, dass zwei der Teilnehmer aus dem Osten kamen). Ich denke die DAME ist genau die richtige für solch ein Seminar. Hat sie echt drauf dieses Etikettending ;-).

    LG
    Anja

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  4. Heute Morgen hab ich in der Zeitung eine Anzeige für Jana Hensels (Autorin von "Zonenkinder") neues Buch gesehen: "Achtung Zone. Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten". Aargs. Die Schubladendenkerei hört nicht auf, auf beiden Seiten. Ich bin übrigens gebürtige Hamburgerin, habe in Leipzig studiert und oft genug "Man merkt ja gar nicht, dass du ein Wessi bist" gehört. Aber die Leute, die mich doof fanden, hatten wenigstens gleich einen handfesten Grund - insofern erleichtern Vorurteile das Leben. Irgendwann wird dieses Ost-West-Ding hoffentlich verschwunden sein.
    viele Grüße! Lucy

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  5. Dein Eintrag macht mich sehr nachdenklich.
    Habe ich vielleicht auch mal so dumme Wessi-Sprüche gemacht? Hoffentlich nicht.
    Ich freue mich auf jeden Fall nicht nur am 3.Oktober darüber, dass die Grenze/Mauer weg ist. Und hoffentlich auch bald in den Köpfen der Menschen.
    Euch einen schönen Tag.

    Liebe Grüße
    Suse

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  6. ....ich begegne immer wieder solchen Kommentaren, Sprüchen und Diskussionen...und ich glaube, wir selbst halten damit alles herrlich am Laufen.....
    Ich habe mehrere Freunde und Kollegen, die aus dem Osten Deutschlands kommen, genauso viele wie aus dem Süden Deutschlands kommen und ich höre genauso häufig "oooh Gott, die Bayern" wie "ooh Gott, die Ossis"...und "ooh Gott, die Fischköppe".....
    Es ist kein Problem von Ost oder West oder Nord oder Süd, sondern das Problem sind wir selbst, die sich angefeindet fühlen, weil sie aus dem Osten oder Westen oder Norden oder Süden kommen....oder die Vorurteile, die wir gegenüber den anderen haben...
    Die Mauer wird immer bleiben in unseren Köpfen und dass sollte sie auch, als MAHNMAL, dass nie wieder eine Mauer uns trennen soll.....dass man so etwas nie wieder zulassen darf.....
    Es wird immer Menschen geben, die dumm sind und ein Anderssein als negativ empfinden.....doch jeder von uns kann durch Toleranz und Offenheit dazu beitragen, dass sich dass ändert.....
    ....sehen wir es doch mit einem Zwinkern im Auge....
    Liebe Grüße von einem Wessi, Fischkopp und Quiddje ;-)

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  7. Schöner Beitrag :) Danke dafür :)
    Ich war beim Mauerfall 25 und hatte leider schon viel von der "negativen" Seite kennenlernen dürfen. Traurig macht mich immer noch, das ich trotz einem Noten-Durchschnitt von 1,0 kein Abitur machen durfte, weil meine Eltern nicht der Partei angehörten. Als damalige Dresdnerin hab ich auch die damaligen Proteste mitbekommen und hatte tierische Angst, mit meinen beiden Kindern (4+1 Jahr) das Haus zu verlassen. Inzwischen lebe ich seit über 10 Jahren in Bayern ... bisher ohne jegliche Vorurteile - im Gegenteil. Ich denke, es kommt auch darauf an, was wir unseren Kindern mitgeben - denn kein Mensch sollte aus was für Gründen auch immer in eine Schublade gepreßt werden.

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  8. Als die Mauer fiel, war ich zwanzig...und nun bin ich doppelt so alt und die erste Hälfte habe ich im Ostteil von Berlin verbracht.
    Als "Ossi" habe ich mich nie gesehen, weil unsere Verwandten breit verteilt in ganz Deutschland lebten, wir im Osten aus verschiedenen Gründen, wie z.B. Kirchenmitgliedschaft eher untypisch lebten, somit aber auch Repressalien ausgesetzt waren und mit Einschränkungen klar kommen mußten...
    Die zweite Hälfte war sehr viel bunter und rasanter-an vielen Orten, vor allem in Süddeutschland und die "Dasmerktmannicht-Sprüche" kenne ich nur von den Anfangszeiten nach dem Mauerfall...
    Wer nicht nur mit verklärtem Blick zurückschaut und im Hier und Jetzt lebt,für Neues offen ist ohne seine Wurzeln zu verleugnen, der wird auch eher als Mensch wahrgenommen und nicht nur irgendwelchen Himmelsrichtungen zugeordnet...
    Familiär gesehen haben wir das gut vereint. Bin mit einem Mann aus dem Südwesten verheiratet und komme aus dem Nordosten...und sehe die regional verschiedenen Bräuche, Erlebnisse und Rituale einfach als große Bereicherung meines/unseres Lebens!

    GLG
    PE

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  9. Schönen guten Abend Frau Frische Brise
    also ich glaub, dass es noch heut viele Leute gibt, die immer noch dieses Ossi-Wessi denken haben...Schade, sehr schade...
    LG Nancy

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  10. sehr schoen geschrieben! ich sage auch immer es gibt ueberall nette und nicht so nette leute...

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  11. Du sprichst mir förmlich aus der Seele.
    Ich bin auch ein Ossi der 9 Jahre mit Mauer im Osten in Rostock, ca. 9 Jahre ohne die Mauer in Ostberlin und nun schon seit 9 Jahren in Hamburg im Westen wohnt. Wenn ich jetzt noch 9 Jahre hier wohnen bleibe, werd ich dann eigentlich zum Wessi? *grübel*
    Ich hab immer Bananen zu essen bekommen, wurde konfirmiert, hatte Micky Mouse Hefte und meine Eltern waren nicht bei der Stasi.
    Ich sehe zwar durchaus auch öfter Mal gewisse Unterschiede (was sicher auch nicht ungewöhnlich ist bei der unterschiedlichen Art und Weise aufzuwachsen) dennoch kann ich weder Gutes noch explizit schlechtes über die einen oder die anderen sagen.
    Ich frag mich immer was es eigentlich ist das typisch Ost/Westdeutsche.
    Da würd ich zu gerne mal ne Ankreuzliste zusammentragen.
    Ich kriege auch oft zu hören daß ich ja weder spreche (ähm sächsle) noch wirke wie ein Ossi, andererseits hör ich auch oft daß ich nen typischen Ossinamen hätte, berliner wie ein Ossi (ach jetzt berlinern die auf einmal?) und unverkennbar einer sei weil ich ja rotgefärbte Haare habe. Ich glaub jeder dreht sich das so wie es ihm grade paßt.
    Ich denke so wirklich verschwinden aus den Köpfen wird das wohl erst mit unseren Kindern.
    Da freu ich mich drauf.

    Liebe Grüße aus der Nachbarschaft
    die mit dem Ossinamen

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  12. :-)
    Ich habe "Wessi" - Freunde zu denen ich des öfteren schon sagte "Keine Angst, man merkt dir den Wessi nicht an" - soviel zu Vorurteilen.

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  13. Liebe Carola,

    vielen vielen Dank für Deinen Post- ich kann dieses Ost-West-Denken nicht nachvollziehen.

    Nachdenkliche Grüße aus dem Odenwald,
    Dorothee

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