Montag, 29. September 2014

Gesehen: Phoenix

"Aber was ist, wenn sie nachfragen?" "Keine Sorge, sie werden nicht nachfragen."

Johnny hat nach dem Krieg eine Frau getroffen, die seiner verstorbenen jüdischen Frau Nelly sehr ähnlich sieht. Zusammen mit ihr möchte er ein Schauspiel inszenieren, um an das beträchtliche Erbe zu gelangen. Sie soll in schickem Kleid, frisiert und in schönen Schuhen am Bahnhof ankommen und dort von ihm und ihren Freunden in Empfang genommen werden. Sie üben zusammen Schrift und Gang, Schminken und Frisieren.

Er fährt sie an einen kleinen Bahnhof vor der Stadt. Da steht sie in der Nacht ganz allein auf dem Bahnsteig am Gleis und ein Zug fährt ein.

Diese Szene hat mir den Atem stocken lassen.

Denn diese Frau ist Nelly. Die Totgeglaubte. Die, die im Konzentrationslager in Auschwitz war. Die, die nur knapp überlebt hat. Ihre Freundin Lene hat sich um sie gekümmert und in ärztliche Behandlung gegeben. Das Gesicht war zerstört und wurde wiederhergestellt. Nelly sieht nicht mehr aus, wie früher. Und sie wird nicht mehr sein, wie früher. Sie hat Unvorstellbares erlebt. Sie tapst und stolpert durch ihr neues Leben und die Trümmerberge in den Straßen.

Aber sie spielt das Spiel mit. Will Johnny nahe sein und hofft ständig, er würde sie erkennen und sie könnten ihr altes Leben weiterleben. Wäre das überhaupt möglich? Ihre Freundin Lene weiß mehr und möchte weg mit ihr. Weg aus Deutschland und weg von den deutschen Liedern. Doch Nelly bleibt. Und muss erkennen, wer Johnny wirklich ist.

Als sie schließlich am Bahnhof ankommt, sind alle glücklich. Nelly ist wieder da! Kommt, das Essen wird kalt! Und es stimmt, sie wird nicht nach dem Lager gefragt. Nach dem Essen wird Nelly singen. So wie früher. Mit Johnny am Klavier. Sie schiebt die Ärmel ihres Kleides hoch und beginnt.

...

Abspann. Die Lichter im großen Kinosaal gehen an. Und das Publikum bleibt sitzen. Mucksmäuschenstill.

"Phoenix" von Christan Petzold. Ein leiser Fim. Ein gewaltiger Film. Ein nachdenklich machender Film. Nina Hoss spielt großartig. Ronald Zehrfeld und Nina Kunzendorf auch.




Kommentare:

  1. Ich fand ihn auch ganz großartig. Das Team harmoniert so wie in Barbara.

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  2. Liebe Carola,

    Kannst du mir grad nochmal sagen, mit welcher Kamera du fotografierst? Ich finde leider den Post nicht mehr, in dem du mal darüber geschrieben hast. Das wäre ganz lieb!

    Viele liebe Grüße
    Dorea

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