Im ersten Teil meiner Gedanken zum Familienleben erzählte ich von dem Bild des schwankenden Mobilés wenn ein Kind geboren wird. So fühlt es sich auch wieder an, wenn ein Kind auszieht. Alles kommt ins Schwanken und braucht eine Weile, bis es sich unter den neuen Bedingungen wieder eingeschwungen hat.
Genau zehn Jahre ist es nun her, dass der Große mit nur 17 Jahren auszog. Ich erinnere mich noch: am 16. Juli 2016 feierten wir sein Abitur im historischen Gewölbekeller des Hamburger Rathauses. Nur ein paar Wochen später fuhren wir ihn in Hamburg zum Bahnhof. Dort warteten schon seine langjährigen Schulfreundinnen und -freunde, um ihn zu verabschieden. Ich empfand das als eine ganz liebevolle Geste.
Geweint habe ich an dem Tag erst später. Seitdem immer wieder mal. Im Trubel des Familienlebens, der einfach so weiterging, blieb mir gar nicht so viel Zeit, die Ereignisse zu verarbeiten. Der Alltag mit drei kleinen Kindern ging einfach weiter. Ich war gerade schwanger mit einem Kind, das leider nicht bleiben konnte. Kurz darauf war ich aber wieder schwanger mit unserer Jüngsten, die im August 2017 geboren wurde.
Aus der Ferne verfolgte ich das Studentenleben in Koblenz, das den Großen aber auch nach Barcelona, Singapur oder Lissabon führte und freute mich über die Möglichkeiten, die er bekommen hatte. Den Abschluss des Bachelor durfte ich mitfeiern, genauso wie den Masterabschluss nach dem Studium in Paris. Ich war ziemlich stolz auf meinen Großen, der toll durch sein Studium kam.
Doch zu Hause drehte sich die Welt auch weiter. Manchmal sah ich auf der Straße in der Ferne einen jungen Mann, der mich in Aussehen oder Bewegungen an meinen Großen erinnerte. Ich kochte weiterhin große Mengen, kaufte öfters ein Stück Kuchen zuviel in der Bäckerei. Zwischendurch piekste es manchmal in meinem Herzen, weil da ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen war und ich vielleicht gar nicht genug die letzten Male gewürdigt hatte.
Sind die Kinder klein, sind da so viele erste Male, die man sorgfältig notiert oder sich für immer merkt: das erste Lächeln, das erste Drehen vom Rücken auf den Bauch, das erste Krabbeln, der erste Zahn, die ersten Schritte, der erste Tag im Kindergarten, die Einschulung… doch die letzten Male passieren oft unbemerkt. Wann hat das Kind eigentlich das letzte Mal in unserem Bett geschlafen? Wann brauchte es zuletzt Hilfe bei den Hausaufgaben? Wann war der letzte gemeinsame Ausflug? Im gemeinsamen Urlaub wussten wir noch gar nicht, dass es das letzte Mal in der Kindheit war. Ein gemeinsamer Lebensabschnitt ging ganz unbemerkt zu Ende.
Ein Jahr ist es nun her, dass auch das nächste Kind auszog. Auch wieder mit 17 Jahren. So weit weg, dass wir uns nicht mal eben treffen können. Ich bewundere abermals den Mut, ganz alleine an einem neuen Ort zu starten und gönne dem Kind so sehr die neuen Erfahrungen. Auch diesmal war es wieder so, dass die Erkenntnis über die verflossene Kindheit erst eine Weile später bei mir ankam. Ich erinnere mich, wie ich im November letzten Jahres im Laden Adventskalender sah und daran dachte, dem Kind in Münster einen zu schicken. Zack, stand ich da in den Gängen und weinte.
Ich habe erst nach und nach begriffen, wie kurz die gemeinsame Zeit mit den Kindern im Haus wirklich ist. Wie kurz eine Kindheit im Grunde ist. Als die die Kinder klein waren, waren die Tage manchmal soooo lang! Sie konnten für mich manchmal nicht schnell genug enden. So herausfordernd war das Kümmern Tag und Nacht, das Schleppen, die Lautstärke, der Schlafmangel, die Unordnung, die vielen, vielen Termine und alles drumherum. Doch plötzlich sind die Jahre nur so verflogen.
Manchmal trauere ich verpassten Chancen nach. Vielleicht hätte ich mehr vorlesen sollen? Wir haben gar keine Strohsterne zusammen gebastelt! An dieser Stelle hätte ich vielleicht geduldiger sein müssen. Um diese Sache hätte ich mich eher kümmern müssen. Worauf hätte ich sie noch vorbereiten sollen? Habe ich den Kindern oft genug gesagt, dass ich sie lieb habe?
Plötzlich ziehen die Kinder aus und lassen mich zurück mit all meinen Erinnerungen und nehmen einen Teil meines Herzens mit.
An die Stelle des Familienalltags tritt mit erwachsenen Kindern eine andere Qualität von gemeinsam verbrachter Zeit. Da der Große woanders studiert hat, woanders seine erste Arbeit hatte und nun im Ausland lebt, sehen wir uns im Jahresverlauf nicht so oft. Das Mutzelchen ist im Moment schon noch öfter in Wismar. Die gemeinsam verbrachte Zeit ist aber immer sehr kurz und kostbar.
Auch das nächste Kind steht schon am Nestrand und ist bereit zum Fliegen. Das letzte Schuljahr steht bevor, im nächsten Jahr wird wohl der kleine Bruder nach dem Abitur hinaus in die Welt ziehen. Dann wird die Wohnung noch leerer. Im Alltag…
... denn an manchen Tagen füllt sie sich doch wieder. Sogar mehr als vorher! Denn plötzlich kommen die großen Kinder nicht mehr alleine nach Hause, sondern haben Partnerinnen oder Partner dabei. Oder Freundinnen und Freunde sind zufällig auch auf Heimaturlaub und schauen auch mal vorbei. Da heißt es plötzlich Tische anbauen, Betten ausklappen, extra Stühle bereitstellen und den Kühlschrank wieder bis obenhin füllen. Das ist aufregend, ja! Eine ganz neue Phase des Familienlebens ist angebrochen. Die gemeinsame Zeit ist ja längst nicht vorbei, sie verändert sich nur. So ist das Leben. Die Bande bleiben. Und die Liebe sowieso.
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