Samstag, 17. September 2016

Die Zeit danach






Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Denn Du hast mich geschaffen – meinen Körper und meine Seele. Im Leib meiner Mutter hast Du mich gebildet. Herr, ich danke Dir dafür, dass Du mich so einzigartig gemacht hast. Wunderbar ist alles, was Du geschaffen hast, das erkenne ich. Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich Dir dennoch nicht verborgen. Als ich gerade erst entstand, hast Du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast Du in Dein Buch geschrieben noch bevor einer von ihnen begann.

aus dem Psalm 139


Ich sitze mit dem Liebsten an unserem Esstisch. Vor uns stehen noch die Reste vom Frühstück. Die Kinder sind schon aufgestanden und spielen in ihren Zimmern. Wir gießen uns eine zweite Tasse Kaffee ein und unterhalten uns. Irgendwas ist total lustig und ich lache ganz laut los. Im selben Moment zieht sich ganz plötzlich ein breites Band um meinem Brustkorb zusammen und Traurigkeit steigt bis in meine Kehle hoch. Ich kann nicht atmen und muss weinen. Der Liebste streckt mir seine Hand entgegen und wir halten uns eine Weile, bis es mir wieder besser geht.

Dieses Auf und Ab begleitet mich durch die Tage nach der Operation. Wie im "richtigen" Wochenbett nach den Geburten habe ich mit dem Abfall der Schwangerschaftshormone zu tun. Haut und Haare verändern sich wieder, ich blute lange, aber dennoch nicht genug. Ich brauche weitere Maßnahmen und Medikamente. Nicht angenehm, aber das alles gehört zum Prozess. Total schleierhaft ist mir, wie ich meiner Ärztin anfangs sagen konnte, eine Woche Krankschreibung von meiner Arbeit würde mir völlig ausreichen. Aufstehen. Weitermachen. Klar! Aber nicht immer macht der Körper da mit. Die Seele sowieso nicht.

Auch wenn unser fünftes Kind noch so unglaublich klein war, hat es schon ganz viel Liebe, Hoffnung und Glück mit sich gebracht. Es war schon mehr als nur ein bloßer Gedanke und es hat schon Geschichte in unseren Herzen geschrieben.

Mit der Zeit werden die Tränen weniger. Der Alltag ist fordernd und tröstlich zugleich. Ich will für meine Kinder da sein, die hier und jetzt mit mir leben und mich brauchen. Ich bin froh über jedes kleine Zeichen, die sie in meinem Leben hinterlassen. Da sind Mutzelchens lustige Ideen und Geschichten. Da ist das kleine Tierchen, das der Adventsjunge am Morgen in meinem Bett vergisst. Da gibt es den Stapel heimlich in der Nacht gelesener Bücher vor dem Bett des kleinen Bruders. Da ist die Whatsapp-Nachricht vom Großen, der Hilfe braucht und die liebe Nachricht meiner Bonustochter, die sich um mich sorgt.

Ich bin dankbar für meinen Lieblingslavendelduft und sauge ihn ganz tief ein. Ich bin dankbar für Schmerzmittel, oh ja! Ich bin dankbar für die erste Kastanie in meiner Hand, für Blumen im Herbstgärtchen und auf meinem Tisch. Ich bin dankbar über die Anteilnahme so vieler Menschen um mich herum. Mitfühlende Kommentare und liebe Post rühren mich jedes Mal sehr. Ich bin dankbar für jede Umarmung, jedes nette Wort und für die Menschen, die mich und uns im Moment ein bisschen mittragen. Sehr viele Frauen haben mir geschrieben, dass ihnen Ähnliches passiert ist. Oft wird geschwiegen, weil es für solche Situationen einfach kein Patentrezept gibt. Alles hier aufzuschreiben und zu teilen hat mir beim Verarbeiten sehr geholfen. Danke fürs Lesen! 💜

Leider war alles auch nach vier Wochen noch nicht ausgestanden...











Kommentare:

  1. Ach Carola. Das ist eine besondere Zeit jetzt. Und wird es immer bleiben...
    Unseren Babys geht es gut!

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  2. Schließe mich Marit an. Zum Trost möchte ich Dir etwas weitergeben. Vor unserem ersten Sohn, mittlerweile fast sieben, musste ich das erste Mal Abschied nehmen. Danach nochmal leider einige Male. Bis wir nun heute drei fröhliche Kinder im Haus herumspringen haben. Meine, ich nenne sie liebevoll Psychologenfreundin,sagte mir eines Tages etwas für mich sehr wertvolles. Ich könne mich, als vorübergehender schöner Aufenthaltsort sehen, bei dem die Kinderseele kurz verweilte, um sich dann aufzumachen, zur eigentlichen Familie, die sie auch schon sehnsüchtigst erwartet und genauso liebevoll empfängt, wie wir es getan haben. Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft. Darüber zu reden und offen damit umzugehen hat mir auch sehr geholfen und merkte dadurch auch wieviele dadurch erleichtert waren und man sein Leid teilen konnte. LG

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  3. Der Psalm ist sehr tröstend, das empfinde ich auch so. Dieses Auf und Ab der Gefühle - ich kenne es gut. Gestern schrieb ich meine Dankbarkeitsliste. Die habe ich angefangen, um nach drei kleinen Geburten in diesem Jahr zurück ins Leben zu finden. Ich schreibe also auf, das ich mich wiederfinde. Mir kommt in den Sinn, das ich schreibe, wer ich bin. Ich bin eine Königstochter, ich bin Ehefrau, ich bin a mother of seven living childs(ich mag den englischen Ausdruck sehr viel lieber) und dann schreibe ich auch: and of five stars. Fünf, die Zahl sitzt wieder und ich bin geschockt. Schon fast so viele kleine Seelen, wie lebende Kinder. Da zieht es einen wieder runter und man muss sich aufrappeln um weiter zu gehen.

    Es ist tröstend, wenn du schreibst. Es ist tröstend von anderen zu lesen, denen es ähnlich ging. Es ist schön, wenn mal jemand kein Tabu Thema daraus macht.

    Alex irgendwie auch tröstlich diese Gedanken. Irgendwie. Ich mag den Gedanken noch lieber, das die kleinen Seelen wieder zurück zu Gott gezogen sind und dort auf seiner Himmelswiese spielen.

    Alles Liebe - ich denke gerade unbekannterweise oft an dich
    Andrea

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  4. Ach, es tut mir so leid, ich habe es gerade gelesen!!! Mir ging und geht es ähnlich: Der Alltag muss bewältigt werden, und das Leben ist auch oft schön, aber die Trauer ist immer da. Und ich vermisse unser Küstensternchen unendlich...

    Alles Liebe und eine Umarmung
    Küstenmami

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