Donnerstag, 18. Juni 2015

Bewölktes Glück

Ich saß ganz, ganz tief unten in einem engen Brunnenschacht. Um mich herum war es dunkel. Mein Körper war gar nicht vorhanden. Ich sah nichts, hörte nichts und konnte mich nicht bewegen. Arme und Beine waren wie gelähmt. Ich konnte nicht sprechen. Auf meiner Brust lag ein zentnerschwerer Brocken. Ich schaffte es gerade so, überhaupt zu atmen. Ab und zu schaute ich hoch zu dem Punkt, wo das Licht herkam. Ich fühlte absolut gar nichts. Ein bisschen wunderte mich, dass mir alles so egal war, aber ich wollte an dem Zustand nichts ändern. Ich wollte einfach nur dasitzen.

Es gibt Fotos von mir aus dieser Zeit. Ich lache und sehe fröhlich aus. Das war im September 2007. Ich hatte gerade meine Tochter zur Welt gebracht. Die Geburt war total leicht und ging blitzschnell. Kaum war das Geburtshaus erreicht, war das Baby schon da. Gesund und munter. Ein echtes Geschenk und Wunder. Mein Mann und ich waren überglücklich. Unser Kind war gesund und sehr hübsch und die Krönung unser noch sehr frischen Liebe. Alles war perfekt. Von außen.


Mutterglück - von außen perfekt

Innen sah es anders aus. In mir drin gab es keine Regungen. Das Schreien meines Kindes drang wie durch dicke Watte zu mir durch. Ich hörte es, fühlte mich aber unfähig, zu reagieren. Mein Baby hatte Hunger und wollte gestillt werden. Ich wurde gebraucht. Dabei wollte ich doch nur meine Ruhe haben. Die unendlichen Schmerzen beim Stillen bestimmten meinen ganzen Tageslauf. Alle paar Stunden wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder. Und die Schmerzen nahmen jeden Tag zu. Wie Rasierklingen durchschnitten sie meinen Körper. Sie zogen von der Brust bis in die Fußspitzen und wieder zurück. Es war wie Folter. Mein Baby interessierte mich nicht. Ich hatte Angst vor ihm. Ich wollte nur noch, dass das alles irgendwie endet.

Ich hatte die beste Unterstützung, die es auf der Welt gibt. Mit meiner Hebamme und meinem Mann hatte ich schon während der Schwangerschaft ausführlich über das Stillen gesprochen. Ich hatte alle Literatur zum Thema gelesen. Ich war mir sicher, diesmal würde es klappen. Die Hebamme kam nach der Geburt jeden Tag zu uns nach Hause, mein Mann umsorgte mich sehr liebevoll. Beim ersten Kind war ich unerfahren und hatte keine Unterstützung. Daran hatte es bestimmt gelegen. Aber nun sollte doch alles perfekt sein. Stillen ist so praktisch. Immer dabei, perfekt temperiert, kostengünstig und vor allem gesund. Das Beste für das Kind! Das Natürlichste der Welt! Das kann doch jede Frau!

Und nun war es doch wieder so eine Katastrophe. Ich glaube, nicht mal mein Mann konnte erahnen, wie es mir tatsächlich ging. Ich biss die Zähne zusammen und hoffte, dass die Zeit verging. Ich musste alleine da durch. Irgendwann musste es doch besser werden. Ich musste mich nur genug anstrengen. Das hörte ich doch von allen Seiten. Ich machte ein Foto meiner Tochter, wie sie einen Milchbart hat. Von meiner Milch. Vielleicht als Beweis, dass mein Körper mein Kind ernähren konnte. Eigentlich. 

Als ich beschloss, sofort mit dem Stillen aufzuhören, ging es mir schlagartig besser. Der schwere Stein, der auf Körper und Seele drückte, rollte von mir ab. Ich fühlte mich leicht und unbeschwert. Die Sonne schien wieder. Ich konnte mich wieder bewegen, wieder reden, atmen und lachen. Ich hielt mein Baby wieder gerne im Arm und kuschelte viel mit ihm. Es trank problemlos aus der Flasche. Noch wochenlang hatte ich damit zu tun, den Milchfluss einzudämmen. Ich konnte nicht glauben, was da passiert war und war einfach nur froh, dass der Spuk endlich vorüber war.

Meine nächsten beiden Kinder habe ich von Geburt an mit der Flasche gefüttert. Da das Füttern eines Babys so viel mehr als nur Nahrungszufuhr ist, konnte ich meinen Kindern nun mit Hilfe von Pulvermilch unbeschwert all das geben, was sie zum Leben und für eine gute Bindung brauchten: Nähe, Trost, Geborgenheit, Halt, Liebe, Liebe, Liebe. Entspannt und rundum glücklich.


Es hat Jahre gedauert, diesen Text zu schreiben.

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