Sonntag, 9. November 2014

Mein Mauerfall - Teil 5

Nach dem Mauerfall ging mein Teenie- Leben einfach weiter. Keine Pferde mehr, die beste Freundin weit weg. Die Schule wurde, auch aufgrund des Systemwechsels, komplizierter für mich. 

Die Wende hat auch meinem Leben eine Wende gegeben. Genau zur richtigen Zeit. In der DDR hatte ich mehrere Leben: Schule, Elternhaus, Kirche. Was ich wo zu sagen hatte, war mir immer klar. Spätestens zum Ende des Schuljahres, in dem der Fall der Mauer passierte, hätte es einen Bruch gegeben. Ich wäre nicht in die staatliche Jugendorganisation FDJ eingetreten und hätte keine Jugendweihe mitgemacht, was für mich einen Nachteil bedeutet hätte. In der Pionierorganisation war ich noch, da meine Eltern Nachteile im Kindesalter für mich vermeiden wollten. 

Ich weiß nicht, wie mein Leben in der DDR weiterverlaufen wäre. Ich bin ganz froh, noch viele Erinnerungen an diesen Staat zu haben. Das hat mich selbstverständlich geprägt. Ich bin aber auch froh, dass ich bestimmte Entscheidungen nicht treffen musste. 


Hier kommt nun der letzte Teil der Abschrift aus meinem Tagebuch von 1989 und 1990. (Alle Namen sind geändert.)



8. Juli 1990

Deutschland hat die Fußball- WM in Italien gegen Argentinien gewonnen.

10. Juli 1990

Heute war der letzte richtige Schultag. Morgen gibt es Zeugnisse. Gestern kam jemand zu Mutti und sagte ihr, daß wir hier sofort! ausziehen sollen. 

11. Juli 1990

Heute war Mutti nochmal bei dem Mann und der sagte uns, daß er was für uns finden wird. Nun ist das Schuljahr rum und nach den Ferien bin ich schon 8. Klasse! In den Ferien mache ich einen Schwimmkurs im Strandbad Wannsee. Ich erneuere meine Schwimmstufen. Ich habe Grundstufe, Stufe 1 und Stufe 2. Im Westen heißt das anders: Seepferdchen, Bronze, Silber, Gold, deshalb mache ich das nochmal neu.

21. Juli 1990

Gestern sind wir von Oma und Opa aus Wismar wiedergekommen. Einmal wollten wir nach Lübeck fahren, aber der Stau an der Grenze war zu lang. Also sind wir umgekehrt. Am nächsten Tag sind wir zum Hansapark in Sierksdorf gefahren. Es war wieder wie im Heidepark. Dann haben wir noch in der Ostsee gebadet. Ich bin schön braun geworden. 

25. Juli 1990

Heute waren wir den ganzen Tag am Ku’damm. Wir wollten ins Kino gehen und einen Film mit Thomas Gottschalk sehen. Der kam aber erst um 14:30 Uhr. So waren wir dann ganz lange in der Stadt. Nächste Woche müssen wir hier aus dem Gästehaus ausziehen. Wir dürfen erstmal auf dem Krankenhausgelände in einer alten Etage wohnen. Immerhin muß ich nicht gleich umgeschult werden. Aber es kann immer sein, daß wir bald eine Wohnung finden und dann umziehen. Mutti fährt jede Woche zu einer Seitenstraße am Ku’damm zu so einer Stelle, die Wohnungen vermittelt. Es gibt aber keine.

29. Juli 1990

Heute war Papas Bruder da und hat uns geholfen unsere ganzen Kisten und Bens Einrichtung rüberzutragen. Nächste Woche werden wir dann wohl in dem alten Krankenhaus wohnen. 
Heute waren wir beim „Deutsch- Amerikanischen- Volksfest“ in Zehlendorf. Wir sind bei der Wildwasserbahn ganz naß geworden. Lose haben wir auch gezogen. 

2. August 1990

Heute war Manuela hier. Wir sind nochmal zum Volksfest gefahren. In den Geschäften hat jetzt der Sommerschlußverkauf (SSV) begonnen. Ich durfte heute ganz alleine in die Stadt (Steglitz) fahren und mir für 50 DM was kaufen. Ich habe mir eine helle Jeans und ein lila T- Shirt gekauft. 10 DM hatte ich noch übrig. Davon habe ich noch einen neuen Füller und Aufkleber gekauft. Am Sonnabend ziehen wir um.

4. August 1990

Nun sitze ich in meinem neuen Zimmer. Es hat einen tollen Blick und sogar ein Waschbecken. Auf dem Gang sind die Toiletten, wir können uns von 6 Stück eine aussuchen. Hier dürfen wir bis zu einem Jahr wohnen bleiben. Aber vielleicht ziehen wir bald wieder hier aus. Dann müßte ich doch umgeschult werden. Hier in Wannsee können wir uns eh nichts leisten. Das hier ist nämlich die schönste Gegend in Berlin. Hier kostet eine Wohnung von 2000 DM aufwärts! Im Monat.

13. August 1990

Heute haben wir uns eine Wohnung in Reinickendorf angeguckt. Naja. Mein Zimmer wäre 3x3 Meter groß. Aber ich könnte Manuela öfter besuchen, weil es dort neben Pankow ist. Hauptsache, wir haben eine Wohnung. Es gibt viele Bäume.

25. August 1990

Am Montag geht die Schule wieder los. Am 8. September ziehen wir nach Reinickendorf. Also heute in 14 Tagen. Ich freue mich schon ein bißchen, weil ich ein neues Zimmer bekomme. 

24. September 1990

Also was mir jetzt passiert ist, ist kaum zu glauben! Ich komme nämlich grade aus dem Krankenhaus. Ich wollte nach der Schule über die Straße rennen, aber da Autos bekanntlich stärker sind, hatte ich Pech. Ich weiß gar nicht mehr, was geschah, aber dann lag ich auf der Straße. Erst dachte ich, meine Beine sind ab, aber dann war nichts mehr und ich dachte, ich kann nach Hause gehen. Die Feuerwehr brachte mich ins Krankenhaus. Mein Knie war gebrochen, da wo die Stoßstange vom Auto gegengefahren ist. Mein Bein wurde auf eine Schiene gelegt und festgewickelt. So lag ich dann 3 Wochen lang. Na das war vielleicht toll!
Ich will es so kurz wie möglich machen. Nun bin ich zu Hause in unserer neuen Wohnung. Den Umzug habe ich verpasst. Ich bin zur Zeit sehr unbeholfen, weil ich mit zwei Krücken laufen muß. Ach, jetzt will ich schlafen.

25. September 1990

Heute haben wir Telefon bekommen. Ich habe gleich Manuela angerufen. Jetzt will ich mal was aus den heutigen Nachrichten schreiben, denn später muß ich ja auch was über die politischen Ereignisse wissen:

Die Benzinpreise steigen weiter. Führende Tankstellenbetriebe erhöhen 4 bis 6 Pfennig pro LIter. Die GRÜNEN wollen bis zu 5 DM pro Liter gehen.
Die Häftlinge in Rummelsburg streiken weiter.
„Deutscher- Vereinigungs- Tag“ der 3. Oktober wird gesetzlicher Feiertag in Deutschland

Ich habe bis jetzt gar nichts von Politik und Zeitgeschehen aufgeschrieben. Also die DDR und die BRD werden am 3. Oktober EIN Deutschland. Die DDR hat das „West- Geld“ schon seit dem 2. Juli. Naja, mehr fällt mir jetzt auch nicht dazu ein. Ich war ja dabei, ich werde es doch wohl im Gedächtnis behalten. 
Am Donnerstag soll ich das erste Mal meine neue Klasse sehen. Hoffentlich ist sie vernünftig!!!




27. September 1990

Ich glaube, diese Klasse ist ganz vernünftig. Ich laufe immernoch auf Krücken, die Flure sind ein bißchen glatt und dann noch die Treppen!

1. Oktober 1990

Meine Klasse ist ganz nett. Schule macht auch Spaß. 

3. Oktober 1990

Am Abend zum Tag der Deutsch- Deutschen- Einheit waren wir bis 1 Uhr in der Nacht auf. Es war wie Silvester. Am Alex, Brandenburger Tor und am Reichstag hatten sich Tausende Menschen versammelt um die Wiedervereinigung zu feiern. Um Mitternacht läuteten die Freiheitsglocken und eine schwarz-rot-goldene Fahne wurde vor dem Reichstag gehisst (20x30 Meter groß!) Sie soll jetzt dort immer hängen. Der 3. Oktober ist jetzt in Deutschland ein fester Feiertag. 

15. Oktober 1990

Morgen ist in der Schule Wandertag, aber ich gehe zum Arzt, mein Gips kommt ab. Mal sehen, wie es wird. Hoffentlich kann ich schnell wieder richtig laufen. 

16. Oktober 1990

Der Gips ist ab. Ich kann mein Bein noch nicht richtig biegen. Es hängt jetzt von meinem Willen ab, wie schnell ich wieder richtig laufen kann.

21. Oktober 1990

Morgen wieder Schule. In letzter Zeit passiert hier nicht so viel. Ich muß ständig zur Krankengymnastik wo wir Stück für Stück mein Bein biegen. Was für eine Arbeit!

2. November 1990

Morgen kommt Manuela mich besuchen. Sie bleibt eine Nacht. 

12. November 1990

Mit Manuela war es schön. In der Schule läuft alles gut. In der Franz- Arbeit habe ich eine 3! Mit dem Laufen klappt es soweit auch ganz gut. Ca. 85° kann ich das Bein schon biegen. Aber es muß noch weiter gehen! Ich muß da durch! Wir haben einen neuen Fernseher und einen Videorecorder. Ich habe schon 2 Videos gesehen. 

24. November 1990

Nun habe ich schon wieder lange nichts geschrieben. Mit dem Laufen klappt es soweit ganz gut, aber das Biegen und Durchdrücken geht nicht voran. In der Schule ist „eigentlich“ alles normal. In Englisch und Französisch habe ich Schwierigkeiten. Ich krieg einfach den Anschluss nicht, die anderen sind mir immer voraus. Ich komme mit der Schule hier nicht so gut klar.

29. November 1990

Heute vor einem Jahr sind wir ausgebürgert worden. Was in einem Jahr alles passieren kann! So richtig heimisch bin ich hier noch nicht, aber drüben auch nicht mehr. Ich stecke irgendwie dazwischen und gehöre nirgends richtig dazu. Mal sehen, wie es weitergeht. Ob ich mich später an diese Zeit erinnere?



Hier enden meine Veröffentlichungen der Aufzeichnungen rund um den Mauerfall. 
Danke für's Mitlesen!

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4 

Kommentare:

  1. Der letzte Eintrag hat mich sehr berührt!

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  2. Schön deinen Rückblick zu lesen... ich selber kann mich an die Zeit kaum erinnern - ich bin damals gerade in die Schule gekommen und habe kaum Erinnerungen an den Mauerfall! Und das obwohl es ja auch für mich wichtige Geschichte ist!
    LG Anny

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  3. Ich danke dir sehr für das Teilen deiner Tagebuchaufzeichnungen. Durch Verwandtschaft in Thüringen habe ich ein wenig mehr von der Zeit vor 25 Jahren mit bekommen als das, was in der Zeitung stand und im Fernsehen gezeigt wurde. Wir waren auch in den Jahren davor mind. einmal im Jahr zu Besuch dort... Ich finde es wichtig, die Erinnerungen zu bewahren - eine ganze Generation gibt es schon, die nichts von der Grenze kennen. Dazu trägst du bei - danke! LG Claudia

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  4. Guten Tag, Carola, deine Berichte habe ich intensiv verfolgt - reindenken fiel mir schwer, da ich das nicht erlebt habe - es rührte mich doch - meine Familie und ich haben natürlich diesen bedeutenen Tag auch in einer Erinnerung festgehalten - jeder seine Geschichte - und gerade heute haben wir alles gelesen - ich danke dir, das du so offen darüber geschrieben hast - und wünsche dir und deiner Familie - "jetzt und immer" eine glückliche Zeit.
    *rena* aus dem Rheinland - die dich immer wieder besucht.

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  5. Liebe Frische Brise, vielen vielen Dank für diese Fortsetzungsgeschichte! Ich selbst war am 9.11.89 in London als au-pair, zu Besuch bei einer Freudin und wir schauten Golden Girls. Auf einmal kam ihre Gastmutter ins Zimmer und sagte "The wall is down!" Wir haben zunächst gar nicht verstanden, was sie eigentlich meinte und haben uns nur fragend angeschaut. Als wir dann die Bilder im Fernsehen gesehen haben war es um uns geschehen. In der nächsten Zeit war es zur damaligen Zeit schwierig, neutrale Informationen zu bekommen. Ja, eine Zeit ohne Internet, ohne Handy, Skype, Facebook, Twitter, Smartphone etc. und aufgrund von den hohen Kosten höchstens 1x in der Woche mit den Eltern telefonieren (und ich habe überlebt - und meine Eltern auch! Für heutige au-pairs und Eltern ja kaum vorstellbar ;-) ). Die Berichte in den englischen Zeitungen waren eher misstrauisch - ein "großes" Deutschland, um Gottes Willen! Der 3. Weltkrieg steht vor der Tür! Auch wenn ich viele Dinge um diesen Tag herum vergessen habe, diesen Abend werde ich nie vergessen!

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  6. Liebe Carola,
    danke,dass du uns daran hast teilhaben lassen,an deine Aufzeichnungen und Erinnerungen an den Mauerfall.Es hat mich vieles sehr berührt und zum Nachdenken angeregt.
    Als ich jetzt eben von Reinickendorf las,musste ich schmunzeln...ich war vor kurzer Zeit erst dort,um eine Internet-Freundin dort zu besuchen.Das erste Mal in Berlin,das erste Mal in Reinickendorf...das war aufregend :-)

    Ich wünsche euch einen guten Wochenstart morgen!
    Herzliche Grüße von deiner treuen Leserin Nicole ♡

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  7. So toll! Lieben, lieben Dank, dass du das hier geteilt hast. :)

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  8. Vielen lieben Dank, dass du deine Mauerfallerinnerungen mit uns geteilt hast! Ich war damals 6 und habe keine eigenen Erinnerungen, kann deine Aufzeichnungen aber total nachvollziehen...ist irgendwie drin :)

    LG
    Karo

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  9. Der 3. Oktober ist auch meine erste und einzige Erinnerung an die Wiedervereinigung: Es gab Feuerwerk im Fernsehen, und ich durfte lange aufbleiben. An mehr erinnere ich mich nicht - aber ich war ja auch erst gerade 6 Jahre alt und lebte im tiefsten Westen (Ruhrgebiet). Gestern haben wir die Feierlichkeiten zum Mauerfall in Berlin im Fernsehen angeschaut und ich war sehr bewegt. Gerne hätte ich das alles etwas bewusster erlebt. Aber so ist es auch schön, denn ich kenne eigentlich bewusst nur ein vereintes Deutschland und unterscheide nicht groß zwischen Ost und West. Die Kinder heute müssen erst lernen, welche Bundesländer "neu" sind (das habe selbst ich noch wie selbstverständlich im Kopf - die "neuen Länder", wie es immer hieß) und dass es früher einmal anders war. Ostdeutschland ist dann nur noch eine geografische Bezeichnung, natürlich mit all ihren Eigenheiten, die geografische Bezeichnungen nun einmal implizieren (jeder hat ja genauso sein Bild im Kopf, wenn er "Norddeutsche" oder "Süddeutsche" hört). Das ist schön!!!

    Liebe Grüße
    Nele

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  10. Sehr schön und auch spannend! Danke für die Einblicke in dein 13jähriges ich!
    Besonders schmunzeln musste ich bei: "Gleich läuft General Hospital" hatte ich ja völlig vergessen die Serie! Man da kommen auch bei mir Erinnerungen durch.
    Also nochmal Dankeschön.

    LG Anke

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  11. Danke für deine Erinnerungen, liebe Carola. Ich bin nur unwesentlich jünger als du und denke oft an diese unglaubliche Zeit zurück und bin so dankbar, dass alles so gekommen ist. Der MDR hat ein Radio-Feature zu ausreisenden Kindern gemacht, vielleicht interessiert dich das ja: http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/kinder-reisen-aus100.html
    Meine eigenen Wendeerinnerungen hatte ich anlässlich des 3. Oktober aufgeschrieben: http://koeniginnenreich.blogspot.de/2014/10/wendezeiten-zeitenwende.html
    Liebe Grüße,
    Regina

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  12. Ich kann mich auch nur bedanken. Die Teile waren unheimlich spannend und unterhaltsam. Toll, dass du das mit uns allen geteilt hast, habe es wirklich sehr gerne verfolgt. Schade, dass es vorbei ist, aber es kann auch jüngeren Menschen, die das ganz nicht wirklich miterlebt haben oder noch nicht geboren waren, was von der Zeit vermittel.
    Viele Grüße aus Gitschberg!

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  13. Hallo liebe Carola,
    ein wirklich sehr interessantes Tagebuch, davon kannst Du später Deinen Enkelkindern noch erzählen. Die werden staunen.
    Ich hoffe Dein Knie ist wieder gut verheilt und Du kannst wieder richtig laufen.
    LG Conny

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