Freitag, 9. November 2012

9. November 1989

Jeder hat wohl seine eigene Geschichte von diesem Tag zu erzählen. Hier ist meine, die ich zum 20jährigen Mauerfall schonmal aufgeschrieben habe.

Ich bin in Ostberlin, in Pankow, geboren und aufgewachsen. 1989 war ich 13 Jahre alt. Es gab für mich ganz selbstverständlich 2 deutsche Staaten. Die Mauer schützte uns vor den bösen Menschen im Westen. Nach dem Krieg waren alle Faschisten in den Westen gezogen, im Osten gab es nur gute Kommunisten. Wir lebten im guten Teil Deutschlands. So bin ich aufgewachsen und wir Kinder haben es geglaubt. 
Meine Eltern hatten im Jahre 1986 einen Ausreiseantag gestellt. Seitdem haben sie unter etlichen Schikanen leiden müssen. Als ich von dem Ausreiseantrag erfahren habe, hatte ich große Angst. Meine Freundin und ich haben stundenlang miteinander geweint. 
Kurz vor dem Mauerfall wurde unsere Ausreise genehmigt.
Am 9. November 1989 sind wir Kinder wie immer zu Bett gegangen. Meine Mutter dann auch. Mein Vater hat irgendwann am späten Abend im Fernsehen von der Öffnung der Grenze in Berlin erfahren. Er wollte es meiner Mutter sagen, aber die ließ sich nicht mehr wecken. Sie sagte nur im Halbschlaf "Quatsch!"
Am nächsten Tag, dem 10. November, hatte mein Bruder Geburtstag. Wir haben erstaunt die Neuigkeit vom Fall der Mauer gehört. Nach dem Geschenke auspacken sind wir Kinder zur Schule gegangen. Dort war an Unterricht nicht zu denken, alle Schüler waren aufgeregt, dennoch wollten die Lehrer mit uns nicht darüber reden. Sie waren wie gelähmt und haben den Unterricht nach Plan durchgezogen. Gleich in der ersten Stunde hieß es: "Hefte raus! Diktat." Meine Klassenkameraden und ich schauten uns fassungslos an.
Am Nachmittag war niemand zu Hause. Meine Oma rief an und sagte nur: "Deine Eltern sind im Westen!" Da habe ich Angst bekommen, daß sie nicht mehr zurückkommen. Aber sie kamen natürlich zurück. Bepackt mit vielen tollen Sachen. Kellogs Cornflakes und Toppas waren dabei, das weiß ich noch, so etwas hatten wir bis dahin noch nie gesehen.
Am nächsten Tag wollten wir alle zusammen unsere Verwandten in West- Berlin besuchen. Am Übergang Bornholmer Straße stauten sich die Autos auf 3 Kilometern Länge. Wir warteten stundenlang darauf, endlich den Westen sehen zu dürfen. Als wir drüben waren, sah es gar nicht so anders aus. Im Stadtteil Wedding standen genau dieselben Altbauhäuser, wie wir sie auch von unserer Seite kannten. Wir fuhren an einem LKW vorbei, von dem Bananen und Kaffee in die Menge geworfen wurden. Ich fand das ganz schön peinlich.
Dann bekamen mein Bruder und ich von unseren Eltern jeder 5 Mark und durften damit machen, was wir wollten. Der Westen stand mir offen! Wir sind in ein Woolworth- Geschäft gegangen. Mir wurde schwindelig von all den Lichtern, Farben und Gerüchen. Ich stand in diesem Laden und wußte nicht, was ich kaufen sollte. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Ich bin mit meinem Geld in der Tasche wieder raus gegangen, denn ich wollte mein kostbares Westgeld nicht unbedacht ausgeben. 
Wir hatten unsere Ausreisegenehmigung erhalten und den Umzug schon vorbereitet. Durch die Öffnung der Grenze veränderte sich die Situation. Meine Eltern wollten aber trotzdem noch umziehen, denn niemand wußte so genau, wie es weitergeht. Jetzt konnten wir aber Kisten packen und unsere Habe bei Verwandten unterstellen. Am 30. November 1989 wurden wir ausgebürgert. 3 Tage mußten wir in einer Turnhalle leben, denn die Notaufnahmelager waren völlig überfüllt. Wir waren die einzigen Menschen, die große Koffer dabeihatten. Viele hatten nur eine Handtasche mitgenommen. 
Durch die Hilfe einer Kirchengemeinde bekamen wir eine 2 Zimmer- Wohnung unterm Dach, in der wir dann bis zum nächsten Sommer leben sollten. 
Es war ohne Frage eine aufregende Zeit! Wenn ich jetzt im Fernsehen Berichte über den Mauerfall sehe, bin ich froh, daß ich das miterleben durfte. Ich habe Respekt vor meinen Eltern, die eine ungewisse Zukunft mit zwei Kindern auf sich genommen haben. Vor dem Fernseher bekomme ich Gänsehaut und muß mir ein paar Tränchen abwischen. Es ist immernoch sehr bewegend, diese grenzenlose Freude der Menschen zu sehen. Dem Großen habe ich erklärt, es war ungefähr so wie bei der Fußball- WM, nur noch toller. Ich wünschte, wir hätten uns mehr von dieser Freude bewahrt, denn solch ein Ereignis kommt nicht mehr wieder. Es ist doch noch immer erstaunlich, daß Menschen, die sich gemeinsam für eine Sache einsetzen, so viel bewegen können.


Kommentare:

  1. Musste heute auch wieder darüber nachdenken. Ich war an dem Tag 15 Jahre alt und mit meiner Mutti bei einem befreundeten schwulen Päärchen zum frisieren. (Friseure)Ich saß im Wohnzi.und schaute Nachrichten. Es hat bestimmt 5min gedauert bis ich zu ihnen in die Küche ging um zu erzählen was ich gerade gehört habe. Vollkommene Stille. Diese 3 so absolut ungläubigen Gesichter werde ich NIE vergessen :-))Wenn Du magst erzähl ich Dir noch wie die Küche eingerichtet war. Was man sich in solchen Sit. alles merken kann. :-))
    Liebe Grüße Laudi2

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  2. wie schön ,das du deine geschichte aufgeschrieben hast. für mich ist der 9.11. damals auch ein spannender tag gewesen. wir waren nur ein paar tage vor grenzöffnung noch auf *ostbesuch* in rostock. ich war damals in der ausbildung. was mir wirklich in erinnerung geblieben ist, ist die leere nivea-dose im badezimmer meiner tante. die war innen blankgeputzt.
    ich hatte berufsschule in lübeck. jeden dienstag sind wir die strecke zwischen bad segeberg und lübeck gefahren und haben dabei alle trabbis gezählt, die uns entgegen gekommen sind. soweit ich mich erinnere waren es einmal über 400...und lübeck war voll mit diesen kleinen knatter-stinkern:-)
    lg
    silke

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  3. Ich finde es nach wie vor auch jedes Jahr wieder toll, mich zu erinnern. Es war eine aufregende & spannende Zeit, von der man lange nicht wußte, wohin die Reise tatsächlich gehen würde. Ich glaube, die Eindrücke aus diesen Wochen bis zum Mauerfall haben sich tatsächlich eingebrannt.
    Alles Gute für dich!

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  4. Ich war 1989 auch 13 Jahre alt, wohnte und wohne noch im Rurpott. Also weit weg vom geschehen. Ich hatte damals auch kein Sinn für Geschichte und Politik und habe damals gar nicht verstanden, was da besonderes geschehen ist.
    Jetzt wo ich Erwachsen bin, lese und höre gerne Erlebnisse von Menschen in Deutschland und finde mitlerweile das wir Deutschen in viele Länder reisen, um die Welt kennen zu lernen, ohne unser Land und unsere Geschichte richtig zu kennen. Was ich sehr schade finde.
    Liebe Grüße
    Svenja

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  5. Ich weiß auch noch, was ich damals gemacht habe. Ich habe keinerlei verwandtschaftliche Bindung nach Ostdeutschland und kannte das nur von Freunden. Für mich waren 2 deutsche Staaten auch ganz normal. 1989 war ich 22 Jahre jung, gerade in die eigenen Wohnung gezogen und mitten in der Ausbildung. An dem Abend wollte ich mich mit Freunden treffen, aber das habe ich abgesagt. Zu bewegend und spannend waren die Fernsehbilder. Vergessen werde ich das so schnell nicht. Und heute? Da gibt es schon eine Generation, die die DDR gar nicht mehr kennt, oder UdSSR, die mit den Namen Honnecker und Breschniew nichts anfangen können und die nächste Generation kennt die D-Mark nicht mehr. Was für eine aufregende Zeit!

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  6. ... und leider wird man auch nach sooo langer Zeit noch mit dämlichen Vorurteilen und Ossi-Sprüchen konfrontiert, auch von der Generation, die damals gerade mal in einem einstelligen Alter war ... was ich mir schon alles anhören musste ... Schade, ich bin gespannt, wann diese "Märchen" endlich nicht mehr weitergetragen werden.

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  7. Das hast Du wirklich schön geschrieben, ich bin im Ruhrgebiet groß geworden, war 14 und habe das alles überhaupt nicht verstanden. Dein Bericht hat mich sehr berührt.

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  8. Ich musste jetzt echt schlucken.....das ging mir sehr ans Herz.
    :-)
    LG und alles Gute für die letzten 34 Tage :-)
    SImone

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  9. http://tonari.wordpress.com/2009/09/22/mein-9-november-1989/

    Meinen findest Du hier, auch wenn er ebenfalls vom 20. Jahrestag stammt.
    Lieder sind inzwischen auf der Youtube einige Streams wegen Urheberrechtsverletzungen gelöscht worden. Die habe ich nun rausgenommen.

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  10. Ja, eine friedliche Revolution, die funktioniert hat. Einmalig.
    Zu den "Ossi-Sprüchen" einer Kommentatorin muss ich sagen, dass es das ja leider immer noch beidseits gibt. Ich werde auch nach wie vor mit "Wessi"-Sprüchen im Osten konfrontiert. Als wäre ich das große Kapitalistenschwein und hätte keine Werte. Schade. Aber es gibt glücklicherweise auch genügend andere Menschen... und vielleicht braucht es noch einige Generationen, um die Mauer zu überwinden.
    Christine

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  11. Ich bin angesichts meiner "jungen" Schüler immer wieder erstaunt, dass ich mittlerweile eine Generation vor mir habe, die das Ganze nur noch aus dem Fernsehen kennt. Die Bedeutung des Mauerfalls ist vor allem den Jugendlichen präsent, deren Eltern aus dem Osten Deutschlands hergezogen sind.

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  12. Danke für den Bericht.

    Mein Sohn war 1989 ebenfalls 13 Jahre alt. Ich kam an dem Abend sehr spät nach Hause und wollte ihm gerade sagen: DU BIST NOCH AUF ??.. nun geh mal in Dein Bett, es ist schon so spät...!! da sagte er: Mama kuck mal - die Mauer ist geöffnet. Dann haben wir gemeinsam vor dem Fernseher gehockt und uns hier in Südwestfalen mitgefreut.

    Herzlichst Christel

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  13. Für mich ist das wie eine "andere Welt". Das denke ich mir auch oft, wenn mein Mann von seiner Kindheit erzählt, die so komplett anders war als meine. Ich glaube, solche Zeiten erlebt zu haben, prägt in einer Weise, die man als "nicht "im Osten" gelebt habende" wohl nicht so richtig fassen kann. Ich war 1989 gerade mal 7 Jahre alt. Aber ich weiß noch, wie meine Eltern im Radio gehört haben vom Mauerfall und mein Vater ganz aufgeregt wurde (er hatte in Berlin gearbeitet). Welch großes Ereignis der Mauerfall und alles, was darauf folgte (v.a. auch für die anderen Länder), aber gewesen war, habe ich erst langsam durch meinen Mann angefangen zu begreifen. Ein bewegender Tag. Und es zeigt, wie viel Gutes Menschen bewirken können, wenn sie miteinander für eine Sache eintreten.
    Alles Liebe. maria

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  14. also ich weiß nicht . . . ich bin jenseits der 60 und für mich hat das sowas von gar nichts mit "gemeinsam und stark" zu tun.
    die ungarn haben - warum auch immer- im August ihre grenzen geöffnet und das, nur das, war der auslöser-
    und das herr Scharbowski um kurz vor sieben, nach sieben, eine interpretation in die öffentlichkeit posaunt hat, die so, aller wahrscheinlichkeit nach, nicht hätte interpretiert werden sollen.
    ich mag diese geschichtsklitterung einer "friedlichen revolution " nicht. denn die klappe richtig aufgemacht haben "alle im osten" doch erst nach dem die mauer schon offen war.
    ich habe das damals, seit wochen und tagen vorher, stunde um stunde, news um news, verfolgt.
    und ich wohn(t)e keine 500m mtr vom "Checkpoint Charlie"= Friedrichstraße entfernt.
    für mich als "alt-westberlinerin" ist das alles weniger verklärt.
    und was ich an dem tag gemacht habe, nun, das weiß ich genauso gut wie das, was ich am tag der ersten Mondlandung gemacht habe.

    schade nur, dass die blühenden landschaften ("natürlich") noch immer nicht da (im osten) sind, und dass es der alten BRD viel, viel, viel Substanz genommen hat.
    und das die BRD dass alles nur um den preis der EU gemacht hat . . . das ist ein kapitel für sich.
    man/frau kann sowas natürlich nur emotional betrachten, oder eben auch relativ rational, und dann wirds immer real-politisch.
    g
    carola

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  15. Irgendwie verstehe ich das nicht ganz. Kurz vor dem Mauerfall, schreibst Du, sei Eure Ausreise genehmigt worden. Ich glaube mich zu erinnern, dass Du auch mal geschrieben hast, dass Ihr im Westen gewohnt habt (Mäuse auf dem Dachboden o.s.ä.).
    Und nun liest sich das so, als hättet Ihr zum Mauerfall direkt wieder im Osten gewohnt. Weil Ihr doch die Westverwandten besuchen wolltet und Dir ganz komisch von den Eindrücken und Gerüchen wurde....?
    Hab ich da was nicht ganz verstanden?

    LG Conny

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    1. Stimmt, die Ausreise wurde kurz vor dem Mauerfall, wirklich nur ein paar Tage vorher, genehmigt. Tatsächlich ausgereist sind wir aber erst nach dem Mauerfall.

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  16. Ich war damals 18 und kann mich auch noch gut erinnern an diese Zeit um den 09.November...
    Warscheinlich behält jeder, der damals auf die eine oder andere Weise daran beteiligt war, entweder nur als Betrachter oder auch ganz aktiv, eine ganz eigene Sichtweise.
    Was ich am meisten bemerke ist,dass es selten jemanden unbeteiligt lässt. Und was mich heute manchmal noch sehr schwer berührt ist, dass so viele eine Meinung dazu haben, wie alles war, die es gar nicht direkt erlebten.
    Ich bekomme hier in Frankreich immer noch oft erklärt, wie alles damals im Osten war, und wie es zur Wende gekommen ist :) Weil wir ja so von der Propaganda geblendet waren, das wir sowieso nicht mitbekommen haben, was eigentlich gelaufen ist...
    Ich freue mich immer wieder , wenn ich lesen kann, wie bei Dir, wie die ganz eigene persönliche Geschichte dazu ist.
    Ich habe die ersten Schritte auf die andere Seite der Mauer auch am Wedding gemacht und habe mich geschämt, wie ausgehungert nach Konsum "wir" waren. Ich habe mich vor allem über die neue Reisefreiheit gefreut und lebe jetzt schon seit 16 Jahren in Frankreich. Ein Traum, den ich schon hinter der Mauer hatte ;)
    Ich komme gern bei Dir lesen, auch wenn ich nicht sehr kommentierfreudig bin (in der Regel :D)
    Liebe Grüsse.
    bea

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  17. Ich war damals gerade 14 Jahre alt und habe in einem Dorf in Niedersachsen direkt an der Grenze zu Sachsen-Anhalt gewohnt, ein paar hundert Meter entfernt vom Grenzstreifen. Wir sind damals mitten in der Nacht mit dem Rad zum Grenzübergang geradelt, das war schon sehr bewegend.Auch heute lebe ich nicht weit entfernt und die Vorurteile sind auf beiden Seiten durchaus noch vorhanden. Zumindest in meiner Generation.

    LG, Maike

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  18. Ich sass damals mir meiner Oma vor dem Fernseher, im Westen. Meine Oma stammte aus Dresden und war vor dem Mauerbau geflüchtet! Ich war als Kind oft in der DDR, '89 war ich 10, und ich erinnere mich auch eher verklärt an diese Zeit. Ich war gerne dort bei Freunden und Verwanten meiner Grosseltern. Was die Mauer wirklich bedeutet hat konnte ich bei diesen Reisen nicht wirklich verstehen. Heute schon, und so muss ich auch immer schlucken und mit den Tränen kämpfen. Egal wie es zur Stande gekommen ist, für die Leute die von der Trennung betroffen waren muss es einfach der Wahnsinn gewesen sein!
    Liebe Grüsse
    Nathalie

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  19. Danke für diesen Bericht und all die anderen Beiträge der Leser hier. :) Ich war damals 11 Jahre alt, wohnt mit meiner Ma und Oma irgendwo im Nichts auf dem Dorf und mit Politik hatten wir absolut nichts zu tun. Ich kann mich an die Tage nicht mehr erinnern. Leider. Ich wünschte insgesamt eigentlich, dass ich den Osten bis zum Alter von 20 Jahren erlebt hätte.
    Ich weiß noch, wie anders alles mit der Schule wurde. Sonst leider nicht viel.

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